Jesus. Vorbild für das wiedergeborene, vom Wind getragene Leben.

Trostlos und bitter, öde und kümmerlich – so erleben Menschen es immer wieder, wenn sie die Quellen ihrer Spiritualität, ihres Glaubens kennen – sowie jener, die ihnen predigen, sie zurechtweisen oder sie zu trösten versuchen.

Hiob.

Er sagt es seinen Freunden ins Gesicht: Dass sie sich mit ihrer Theologie und ihren Anmaßungen ihm gegenüber den Zorn Gottes zuziehen. Er sagt es Gott ins Gesicht: Dass er lieber tot sein will, wenn Er nicht anders ist als er und seine Freunde bisher glaubten.

Emerson.

Jeden Sonntag weiß er schon im voraus, was der Pastor predigen wird. Es ist, als hätte dieser kein Leben – in sich.

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Eine Spiritualität, die kein Leben gibt. Ein Glaube, der unserer Erfahrung nichts mehr zu sagen hat. Eine Religiosität, die unseren Leben nicht gerecht wird.

Leben.

Das ist es, was Jesus hat. Und was er uns geben will.

Das ist das Zentrum von Jesus’ Botschaft im Johannesevangelium.

Dafür braucht es frischen Wind.

Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“

Jesus also als hervorragendes Beispiel eines Lebens, das von diesem Wind getragen ist.

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(Woher Jesus kommt und wohin er geht, das kommt immer wieder zur Sprache.

Vom Vater, den keiner gesehen hat. Dass niemand zum Vater kommen kann, außer er glaubt an Jesus und nimmt ihn sich zum Vorbild.

Dass er sterben wird – das muss er seinen Jüngern mehrfach deutlich machen, damit sie nicht erschrecken und glauben, dass er der Messias ist. Wie die jüdische Bevölkerung, dargestellt bei Johannes, so haben auch sie vom Messias ganz andere Vorstellungen und Erwartungen.

Die Berufung auf Abraham und Mose, das „Wissen“ darum, Gott habe zu ihnen gesprochen, dass die Vorfahren Wunder erlebten, die Berufung auf die Bibel – alles das, so Jesus, gibt kein Leben.

Dass zukünftig die wahre Anbetung nicht von einem „heiligen“ Gebäude oder Ort aus geschieht, sondern in Geist und in Wahrheit.)

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Zwei Heilungen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.

Am Sabbat.

Die Heilung eines Lahmen. Gelähmt seit 38 Jahren. Die Heilung eines Blinden. Blind von Geburt an.

Und die Theologen verfolgen Jesus, wollen ihn beseitigen. Weil er den Sabbat bricht.

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Gott wird nicht zuerst dadurch gedient, dass wir Gottesdienste feiern. Dass wir verbriefte, geregelte „heilige“ Tage haben, wo wir uns auf Ihn besinnen. Nur ein Beispiel?

Gott dient den Menschen.

Jesus, im Bewusstsein, dass er aus dem Himmel kam und dorthin zurückkehren wird, wäscht seinen Jüngern die Füße. „So wie ich euch die Füße gewaschen habe, so seid ihr nun dazu verpflichtet, euch gegenseitig die ,Füße zu waschen.‘“

Wir dienen Gott, wenn wir wie Er dienen.

Lieben.

Liebt, wie ich euch geliebt habe. Liebt, wie ich es euch gezeigt habe.“

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Jesus redet und tut, was Gott zu ihm redet und Er ihm zeigt, das er tun soll.

Und das – so Jesus ausdrücklich – ist die Errettung:

Dass wir unsere Sünden ans Licht bringen.

Dass offenbar werde: Unsere Worte und Taten sind von Gott gewirkt.

Das heißt: Wiedergeburt.

Das ist das Leben. Das ist das Leben, das uns Jesus geben möchte.

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Es sind christlich-pharisäische Spitzfindigkeiten, wenn man Unmengen an Papier und Zeit dafür verschwendet, zu diskutieren, ob Menschen ohne Gott moralisch Gutes tun (können) oder ob bloß der Glaube an das Kreuz ausreicht, für die Erlösung. „Die das Gute getan haben, werden auferweckt zur Auferstehung des Lebens. Die aber das Böse verübt haben zur Auferstehung des Gerichts.“

Das Gute ist die Liebe. Die Liebe, für die Jesus und unser Gott, sein und unser Vater, Vorbild sind.

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Wiedergeboren und vom Wind getragen sein

Wundere dich nicht, wenn ich dir sage: Ihr müsst wiedergeboren werden.“ Nikodemus sitzt da wie die Kuh vorm neuen Tor steht. „Wie soll das gehen? Wie kann ich wieder in den Bauch meiner Mutter zurückkehren?“ Die Art der Frage ist eventuell nicht untypisch für einen Pharisäer, einen bibeltreuen theologisch Gelehrten. Wortgetreu. Wörtlich.

Du bist ein anerkannter Lehrer in Israel und weißt das nicht?“ Vielleicht hilft ja dieses Bild, um die Wiedergeburt deutlich zu charakterisieren: „Wundere dich nicht, dass ich dir sage: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“

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Ich meine, ich habe ursprünglich meine christlichen Wurzeln in bibeltreuen Kreisen. Dieses Bild finde ich nun einfach nur verblüffend und erstaunlich! Zuerst und lange eigentlich unverständlich. Bis ich mich fragte, was das denn heißen soll? Dann dämmerte es mir: Das einem bibeltreuen theologisch Gelehrten zu sagen, erscheint unglaublich provokativ!

Du weißt nicht, woher er kommt. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ Von aller Tradition entwurzelt.

Du weißt nicht, wohin er geht. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ Keine Erwartungen werden bedient.

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Aber heißt das, „sein Fähnchen in den Wind hängen“, einen „windigen Charakter“ haben, „vom Winde verweht“ sein, lauter „heiße Luft“ daherreden?

Womöglich nur, wenn man sich Jesus nicht zum Vorbild nimmt. Oder wie Thoreau sinngemäß sagte: „Es ist schwer, mit was anfzuangen, ohne zu borgen.“ Und Jesus wird uns im Johannesevangelium als Vorbild gezeigt. Als jemand, dem es gelungen ist, ein Leben zu führen, das vom Wind getragen ist.

Was ich da entdeckt habe, möchte ich in einem nächsten Blogbeitrag mit euch teilen – und gerne diskutieren.

Tatendrang keineswegs ausgeschlossen – Blog für christliche Spiritualität