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»Forbidden World«

Der Mensch spielt Gott“ – eine katastrophische, theologische Einschätzung von den Fähigkeiten und Taten der Menschen.

Katastrophisch, weil diejenigen, die eine solche Aussage formulieren, von einer Sache nicht überzeugt sind: Dass der Mensch der Verantwortung gewachsen ist.

Man muss aber auch nicht christlich, gläubig, religiös, theologisch sein, um die menschlichen Entscheidungen pessimistisch einzuschätzen. Wie bereits der Titel des 1982 gedrehten Films »Forbidden World« erahnen lässt. Dem Menschen sollen Grenzen gesetzt sein, die er nicht übertreten, überschreiten darf. Und wenn er es tut, dann sind verheerende Konsequenzen zu erwarten.

Diese „verbotene Welt“ betreten Forscher auf dem Planeten Xarbia, indem sie sich der genetischen Forschung widmen. Mit dem Resultat: „Subject 20“. Es ist eine experimentell entwickelte Lebensform – dazu gedacht, eine Hungersnot (im wörtlichen Sinne) galaktischen Ausmaßes zu beenden.

Was – selbstredend für einen Horrorfilm – gewaltig aus dem Ruder läuft. Ein Mitarbeiter ist unvorsichtig. Und das kostet nicht nur ihm das Leben, sondern das des nahezu gesamten Forscherteams. Sie alle werden zu Opfern dieser künstlich aus DNA erzeugten Lebensform.

Zu Opfern auf sehr unheimliche, gruselige Weise. „Subject 20“ attackiert die Menschen. Tötet sie dabei allerdings nicht. Vielmehr wird deren genetisches und biologisches Material umgeformt – bei lebendigem Leib.

forbidden world

Auch wenn von diesem Körper selbst nicht viel Menschliches mehr übrigbleibt. Sie werden eine reine Proteinmasse, die für „Subject 20“ zur Nahrung dient. Diese Veränderung resultiert aber auch darin: Die Menschen werden selbst zu aggressiven, zombieartigen Mutanten, die ihre Kolleginnen und Kollegen angreifen.

Speist sich der Pessimismus und Katastrophismus dieses Films somit der Sicht vom Menschen, dass er letztlich auch nur ein Raubtier sei, dass er lediglich aus Eigennutz ein soziales Vieh geworden sei? Berücksichtigt der Film implizit die biologische Erzählung von der Entstehung des Menschen? Auf jeden Fall ist der Film skeptisch gestimmt. Er bezweifelt, dass der Mensch der Verantwortung gewachsen ist, die mit der Genmanipulation einhergeht. Er bezweifelt, dass der Mensch dieses Wissen und diese Fähigkeiten tatsächlich zum Nutzen für seine Gattung einsetzen wird.

Ich finde den Film interessant. Auch aus meinen christlichen Glauben heraus.

In die Schöpfungserzählung ist eingeschrieben: Der Mensch soll über die Natur herrschen. Das beinhaltet weitreichende Fähigkeiten. Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was die Menschen damals, als die Zeilen niedergeschrieben wurden, erahnen konnten. Ich meine daher, dass der theologische Vorwurf, der Mensch würde sich durch Genmanipulation zum Gott erheben, vorschnell und konstruiert ist. Ich bin dieser Rhetorik gegenüber skeptisch.

Dennoch, natürlich stellt sich die Frage: Muss der Mensch tun, was er tun kann? Muss er tun, was er nicht sein lassen kann? Soll er schließlich tun, was er kann und nicht sein lassen will?

Mit dem Schöpfungsbericht beginnt die Bibel. Der Rest der Geschichte sind allerdings andere Erzählungen. Sie handeln von der derzeitigen Situation der Menschen. Getrennt von Gott und aus seiner Liebe nicht lebend, vermag er zwar viel Gutes tun. Aber auf ganz eigentümliche Weise ist das pervertiert und pervertierbar. Nämlich dann, wenn wir uns dabei nicht selbst in Bescheidenheit und Schwäche begeben (wollen). (Wie Gott, als er in einer Krippe Mensch wurde und am Kreuz als Mensch starb, um die Probleme der Menschen zu lösen.)

Die Menschen suchen Sicherheit. Nicht in Gott, sondern voreinander. Also kontrollieren sie sich gegenseitig und misstrauisch. Wie auf der Forscherstation in »Forbidden World«. Da sind Kameras sogar in die Schlafzimmer geschalten. Alles und alle werden überwacht. Wird den Wissenschaftlern nicht über den Weg getraut? Trauen sie sich nicht über den Weg? Wenn dem so ist, ist es dann gut, sich einer solchen Forschung zu widmen?

Ein Crew-Mitglied nutzt diesen Zugang der Überwachung, um dem Filmhelden, und gleichzeitig Abenteurer, dabei zuzusehen, wie er mit einer Kollegin Sex hat. Er vernachlässigt dabei seine Arbeit. Seine ziellose, ungesteuerte Lust lenkt ihm vom Relevanten ab. Kurz darauf wird er von „Subject 20“ attackiert. Und zwar im Schritt. Und verwandelt sich selbst zu einem aggressiven Monster, das seine Crew-Mitglieder attackieren wird.

Damit reiß der Film auch das Thema der Bürgerüberwachung zum Schutze der Bürger an. Wozu Peter Maurin und Dietrich Bonhoeffer interessantes zu sagen haben.

Peter Maurin schreibt („Colonial Expansion“):

Theodore Roosevelt used to say: “If you want peace, prepare for war.” So everybody prepared for war, but war preparations did not bring peace; they brought war. Since war preparations brought war, why not quit preparing for war? If nations prepare for peace instead of preparing for war, they may have peace. Aristide Briand used to say: “The best kind of disarmament is the disarmament of the heart.”

Und Dietrich Bonhoeffer (in Werke Band 13):

Wie wird Friede? (…) Es gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg.

Die Überwachung als ein Zeichen des Misstrauens und der Skepsis. Dem Menschen kann nicht getraut werden, dass er es wirklich gut meint.

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Und dann die menschliche Neugierde. Mit der das Unheil auf der Station auf dem Planeten Xarbia beginnt. So wichtig Neugierde ist, sie geht fehl, wenn sie zu einem menschlichen Bestreben wird, bei dem der Mensch sich in sich selbst und an sich selbst verliert. Der Mensch berauscht sich an seiner Neugierde – und an seiner Fähigkeit, Neues, nie Geahntes, Unbekanntes zu entdecken. Der Mensch berauscht sich an sich selbst. Und verliert damit die anderen aus dem Blick, weil das eigene Erleben im Fokus steht. So der unvorsichtige Mitarbeiter. Er schließt die Vitrine nicht, in dem „Subject 20“ gehegt wird, das soeben ein Lebenszeichen von sich gibt. Er schaut es neugierig an. Er ist fasziniert von seiner Faszination. Und vergisst dabei jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Und das Unheil beginnt seinen Lauf zu nehmen. Als er die Vitrine nämlich schließen will, springt ihm „Subject 20“ direkt ins Gesicht.

Es häufen sich im Laufe des Films die Verluste. Und die Crew ist zerstritten. Wie das Problem mit dem Monster lösen? Eine Forscherin sagt: Mit ihm kommunizieren. Der Filmheld hält das für die dümmste Idee. Bekämpfen und töten. Das ist die einzige Wahl.

Die Frau geht auf eigene Faust lost. Ohne Waffen. Sie will mit dem Monstern sprechen. Es verführt sie. Sie freut sich. Glaubt, ihm kann man vertrauen. Und. Es tötet sie. Mit dem Tier im Menschen oder christlich gesprochen mit der Sünde kann und darf es keinen Kompromiss geben!

Schließlich und endlich, der Film endet pessimistisch. Es überleben nur zwei Personen. Der Abenteurer und Krieger, der letztlich nicht in Gemeinschaft und nur für sich selbst lebt. Und eine Mitläuferin, die während der schrecklichen Ereignisse null Initiative zeigte, sich vielmehr einfach treiben ließ.

Hingegen die Vision des Christentums: Miteinander, Heiligkeit und Bescheidenheit. So lobend es ist, Menschen mit Geld zu helfen oder – in Extremfällen – mit Waffengewalt, eine Lösung wird es nicht sein. Gott lebte es in seiner Inkarnation vor: Geboren als schreiendes, wehrloses Baby in einer Futterkrippe; gestorben am Kreuz als König ohne Streitmacht und verlassen und verraten von seinen Freunden.

Ich teile daher den Pessimismus dieses Films nicht, ebenso wenig bejahe ich den eingangs zitierten theologischen Katastrophismus. Allerdings meine ich, dass es bei der Frage nach allgemein menschlichem Glück und Wohlergehen, mit der man unter anderem die Genforschung rechtfertigt, vor allem einer Klärung bedarf: Was ist die Vision von der Menschheit, dem menschlichen Miteinander und von einem selbst? Geld und Prestige spielen in der Wissenschaft eine zu große Rolle.

Oder wie es Jim Wallis in Die Seele der Politik schreibt:

Während der Bürgerrechtsbewegung sagte man, dass die jeweilige Lebensperspektive davon bestimmt ist, was jemand morgens beim Aufstehen vor Augen hat. Die Dinge, die wir jeden Tag sehen, hören, schmecken, riechen und berühren, bestimmen unser Weltbild. Mehr als alles, was wir gelesen und gehört haben, prägt unser jeweiliger Ausgangspunkt die soziale und politische Perspektive, die wir haben. (…) Die Wirklichkeit unseres Landes kann wahrlich nicht von den Büros von Lobbyisten, Mediengurus und Politiker Washingtons aus verstanden werden, die die Korridore der Macht bevölkern. Sie erwachen am Morgen und blicken auf volle Terminkalender, ein abgeschirmtes Leben und die Privilegien der Entscheidungsträger. Aber nur ein paar Häuserblocks weiter gibt es Wohnviertel (…), wo die Lebensverhältnisse in krassem und und vielsagendem Kontrast zum Wohlstand und zur Macht des offiziellen Washington stehen. Hier erwachen die Menschen in einer grundlegend anderen Wirklichkeit. Der Widerspruch zwischen ihrer Sicht und der Sicht der Regierungsflure führt zu höchst aufschlussreichen Einsichten in die Wahrheit dieses Landes und der übrigen Weltwirtschaft.

Oder Paulus an die Christen in der Stadt Philippi:

Es gibt über euch so viel Gutes zu berichten: Ihr ermutigt euch als Christen gegenseitig und seid zu liebevollem Trost bereit. Man spürt bei euch etwas von der Gemeinschaft, die der Geist Gottes bewirkt, und herzliche, mitfühlende Liebe verbindet euch. Darüber freue ich mich sehr. Vollkommen aber ist meine Freude, wenn ihr euch ganz einig seid, in der einen Liebe miteinander verbunden bleibt und fest zusammenhaltet. Weder Eigennutz noch Streben nach Ehre sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, seid bescheiden, und achtet den anderen mehr als euch selbst. Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern habt das Wohl der anderen im Auge. Seht auf Jesus Christus: Obwohl er in göttlicher Gestalt war, hielt er nicht selbstsüchtig daran fest, Gott gleich zu sein. Nein, er verzichtete darauf und wurde einem Sklaven gleich: Er nahm menschliche Gestalt an und wurde wie jeder andere Mensch geboren. Er erniedrigte sich selbst und war Gott gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum schändlichen Tod am Kreuz.

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Präsentiert: Cindy Brandt: „All I Want for Christmas Is Uncertainty“

Habe ich schon erwähnt, dass der Busbahnhof früher mal ein Kinosaal war? Der Bus, der mich nach Coerzi bringen sollte, zu Alice, fuhr langsam dort los.

Langsam… als fiele es ihm schwer, sich von dem zähen Gemisch alter Geschichten, die in der Luft lagen, loszureißen.

Als fehlten dem Bus, dachte ich, die nötigen Kräfte oder der Mut, sich auf die Straße zu werfen, um seine eigene Geschichte zu leben, frisch und unverbraucht. Frisch, und ohne altbekannten Schluss.

Ich dagegen – so sagte ich mir – fühle mich heute sehr stark, und ich bin unterwegs. Ich habe den Mut und die Energie, die man braucht, um schließlich… um Hilfe zu bitten.

Zentner/Mattotti: Der Klang des Rauhreifs, S. 67f

Die Idee dieses Blogs ist es, dem Bild von Jesus gerecht zu werden, dass wiedergeboren zu leben bedeutet, sich von Tradition gewissermaßen zu befreien und Erwartungen nicht um jeden Preis zu bestätigen.

Ich möchte daher in Dialog treten mit Positionen, die zunächst einmal fern von evangelikalen Positionen zu sein scheinen, die aber von Evangelikalen diskutiert werden. Von Evangelikalen, die (wie ich meine) versuchen, Anschluss an jene Markierungspunkte des Evangelikalismus zu finden, wie sie Stanley J. Grenz in Renewing the Center. Evangelical Theology in a Post-Theological Era (mit Bezug auf David Bebbington) nennt: Fokus auf Bekehrung, Aktivismus, Biblizismus und das Kreuz als Zentrum.

Um Weihnachten herum las ich einen Blogbeitrag von Cindy Brandt mit dem Titel „All I Want for Christmas Is Uncertainty“. An vielen Punkten sprach sie mir da aus dem Herzen.

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Für Evangelikale ist es ein markantes – und ich meine, durchaus zu schätzendes – Kennzeichen, das sie von vielen anderen Christen und Menschen abhebt: Sie lesen die Bibel, um Antworten auf ihre Lebensfragen, ihre Lebensführung, ihre Lebenswelt zu finden. Was ist jetzt hilfreich? Was ist jetzt zu tun? Häufig habe ich es dennoch als eine rastlose, oberflächliche, fragenlose, selbstgewisse Art und Weise erlebt, die Bibel zu lesen, Texte, die 2000 Jahre und älter sind. Immer auf der Suche nach der Bestätigung des Status quo, immer als Bekräftigung der eigenen Selbstkontrolle, immer als Wiederholung und Erläuterung und Ausbau der eigenen Theologie.

Wer aber immer nur unmittelbar auf Selbstbestätigung und aufs Handeln ausgerichtet ist, wird sich nicht reflektieren können. Es heißt, die Philosophie sei entstanden, weil die Menschen ausreichend Zeit hatten, nach der Arbeit nachzudenken. Selbes sollte für theologisches Denken in unseren Breitengraden gelten. Wenn wir die Zeit haben, nachzudenken, dann sollten wir sie auch nutzen. Und das beginnt damit, Fragen zu stellen. Mit Fragen drückeich mein Unwissen aus, belkräftige ich die Tatsache: Es gibt (für mich) Unbekanntes, Geheimnisvolles.

We are most inspired by the unknown.“

Mystery invites participation, not for the sake of removing what is unknown, but to ignite a passion for learning beyond what is certain and be changed through the process.“

Inspiriert sind wir durch das Unbekannte dann, wenn wir ehrliche Fragen stellen, auf deren Antworten wir hören – und sei es ein Schweigen.

Nicht nur, dass wir uns durch Fragen zurückhaltend dem Anderen, dem Fremden, dem Neuen als dem Ganz Anderen, dem Völlig Fremden, dem Total Neuen nähern, wir öffnen uns auch dafür. Wir öffnen uns dafür, heißt:

Wir bemühen uns, zu verstehen.

Wir lassen uns herausfordern.

Wir lernen davon.

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Zurecht fragt sich sich Cindy Brandt daher:

Why is it then, we insist on equating our Christian faith to certainty? We sing about a Blessed Assurance and hold intensive meetings to discuss the essentials of faith. We share testimonies of God stories to shelve any doubts of God’s existence. We preach the same sermons, pray the same prayers, tell the same stories, week after week to convince ourselves it all is still true.“

Is this what our Christianity has been reduced to, more of the same? I am sorry, but I simply cannot muster up anymore enthusiasm for such a formulaic faith; it’s like taking elementary classes all over again. I already know that two plus two equals four.“

If I know exactly how the characters of a story are going to end up (repented, reconciled, redeemed), then I cannot feel invested in the journey. These are pre-programmed characters — propaganda puppets.“

Inwieweit haben wir Christen unsere Sprache in stabile Bilder (Blut, Kreuz, König, Heiland, Herr, heilig usw.) verwandelt. Inwiefern gleicht unser christlicher Jargon einer in Eis gebetteten Welt? Eine Welt, in der wir nur noch rutschen und nicht mehr gehen. Eine Welt, durch die wir gleiten, anstatt sie uns unter Mühen zu erwandern und zu erklettern.

Wie häufig sind die Zeugnisse und Erlebnisse, von denen ich höre, nicht nur bereits mit dem ersten Satz fertig erzählt: Ich weiß, wie das Ende ausgesehen haben wird. Mehr noch: Wie sehr verlangen diese Erzählungen von mir, dass ich Beispiele aus meinem Leben liefere, die diese bestätigen. Aber was ist, wenn ich nicht nur kein Beispiel zu liefern habe, sondern meine Beispiele jenen sogar entgegenlaufen? Und wie kann ich mein Beispiel erzählen, ohne dass ich andere dränge, dass sie es genauso erleben müssen? Wie kann ich dennoch mein Beispiel so erzählen, dass ich andere herausfordere? (Denn mein Leben ist ein Beispiel für das Leben aller – wie umgekehrt das Leben der anderen ein Beispiel für mich ist.) Und wie kann ich verhindern, dass ich mich selbst inszeniere?

Nehmen wir das Beispiel Leid:

I am longing for the gift of uncertainty, a type of profound mystery that welcomes questions, a faith that requires a leap of faith to sustain. I don’t want to be told the answers to life’s pain. I want to live through the darkness and grope for God’s Holy Hand.“

And I want to keep searching for God, even when I’m not sure God exists.“

Ich war vor längerer Zeit auf einem Friedhof. Es war Winter. Von weitem sah ich plötzlich irgendwas Buntes. Ich konnte es nicht erkennen. Das machte mich neugierig. Ich ging dorthin. Ich kam näher. Ich konnte es nicht erkennen. Was ist das? Ich kam näher. Noch immer war es für mich nicht erkenntlich, was ich da sehe. Dann begann es in mir zu dämmern: Hat das was mit Kindern zu tun? Ich trat heran und ich sah: Ja, es ist eine Stelle, an der vielleicht um die hundert bunt bemalte Steinchen liegen, Fähnchen, Spielzeug, Windräder. Ich sah auf die bunten Steinchen: Darauf stehen Namen. Und Daten. Zwischen dem Datum hinter dem Sternchen und dem Datum hinter dem Kreuz liegen vielleicht zwei Tage, oder drei. Manchmal auch nur eine Datumsangabe. Ein Friedhof für Babys, die kaum nach der Geburt gestorben sind, die bei der Geburt gestorben sind.

Es überkam mich eine Leere. Geschichten, von denen ich gelesen habe. Beziehungen, die auseinander brechen. Familien, die kaputt gehen. Depressionen, von denen die Eltern übermannt werden. Vielleicht sogar Zweifel an Gott.

Ich teilte diese Erfahrung mit Freundinnen. Von einer bekam ich zu hören: Aber mit Gottes Hilfe kann die Beziehung der Eltern gerettet und geheilt werden. Mit Gottes Hilfe können die Eltern über den Schmerz hinwegkommen. Ein Beispiel hatte sie sofort parat. Von Christen, die genau das erlebt haben. Das erschreckte mich irgendwie und machte mich auch etwas wütend.

Denn ich erinnere mich an die Stille an diesem Nachmittag. Als ich alleine in diesem Friedhof war. Allein vor all diesen bunten Steinchen, Fähnchen, Windrädern, Spielzeugen. Diese Stille und diese Leere in mir.

Denn ich finde es irgendwie ein bisschen symptomatisch. Warum sind Christen manchmal so ungeduldig, hastig? Warum fällt es Christen so schwer Pause zu machen? Warum haben sie so häufig ein Beispiel, eine Antwort, eine Lösung parat? Warum haben sie kein Gespür für Gottes Schweigen? Für das Schweigen der Freunde Hiobs – die auch besser für immer geschwiegen hätten. Denn am Ende zogen sie sich mit ihren Worten nicht nur die Wut Hiobs, sondern auch den Zorn Gottes zu.

Und ja, Hiob bekam am Ende alles doppelt zurück. Ist das zynisch? Eine andere Freundin von mir meinte in dem Zusammenhang: Mit dem Verlust ist nicht Schluss. Das Leben geht weiter. Das fand ich irgendwie gut. Denn es stellt sich auch die Frage: Wie?

Präsentiert: Ralph Waldo Emerson: „History“

Wir kennen Geschichte ja vor allem aus dem Geschichtsunterricht. Hängen bleibt von dem doch häufig eines: Der Datenwettbewerb. Schaffe ich es, mir die gesetzte Anzahl an Jahreszahlen und den dazugehörigen Ereignissen wenigstens für die nächste Prüfung zu merken oder nicht? Und kann ich womöglich sogar gegenüber anderen mit meinem Faktenwissen glänzen?

Vielleicht wurden wir mit Geschichte auch bei dem einen oder anderen Besuch einer Gedenkstätte konfrontiert. Dort erleben wir Geschichte vor allem bewertend. Dies darf sich nicht noch einmal ereignen! So etwas darf sich nicht wiederholen! Eine Bewertung, der wir in der Regel zustimmen.

Sich über Fakten informieren und vor Ereignissen warnen – beides ist wichtig. Vor allem, um in einer Kultur, in der das Geschichtsbewusstsein besonders stark ausgeprägt ist, kompetent zu bestehen.

Nichtsdestotrotz geht es am Wesentlichen der Geschichte vorbei. Die Beschäftigung mit Geschichte aus der Perspektive der Warnung führt zu einer rein negativen Haltung ihr gegenüber. Entweder werden Phänomene abgelehnt oder man ergibt sich einem Verbotsdenken. Beides führt zu Tabuisierungen, die letztlich eine kritische Auseinandersetzung mit einem selbst (als Person oder als Gesellschaft) verhindern, und damit auch, dass das Gedenken sich nicht zu einer bloßen Worthülse entleert. Schaffen die Tabuisierungen womöglich nicht genau wieder eine solche Situation, vor der wir uns hüten wollen? Das zeigt auf sehr eindrücklich der Film »Serenity«. Der Versuch, Menschen durch eine Substanz so zu „programmieren“, dass sie alle ihre Agressionen verlieren, geht gründlich daneben: der Großteil verendet antriebslos, der kleine Rest wird noch viel viel aggressiver. Übrigens, woher sind wir uns so sicher, dass es uns nicht selbst so ergehen sollte? Wie wird man über uns in 200 Jahren, 2000 Jahren urteilen? Und würden wir dem Urteil zustimmen?

Und die Beschäftigung mit Geschichte als eine Ansammlung von Fakten? Zu sagen, wann, und zu beschreiben, „wie es gewesen“? Das könnte jede Bibliothek, jeder Computer besser, jede Videoaufzeichnung.

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Von einer anderen Seite her angegangen: Geschichte als echt menschliche Aktivität. Mit der Betonung auf menschlich. Wie gelingt es uns in der Beschäftigung mit Geschichte, dass wir uns als Menschen bestätigen, dass wir uns als Individuen behaupten?

Diese Frage scheint unklar. Die Behauptung unserer Individualität, der Ort unseres Menschwerdens wird doch häufig gerade darin gesehen, dass wir uns eben nicht mit Geschichte beschäftigen: Anti-Konformismus, Anti-Traditionalismus, Kunst, der zukunftsgerichtete Blick.

Es lohnt sich daher ein kurzer Blick auf eine dritte Option, nämlich die aktive, einfühlende Beschäftigung mit Geschichte. Das ist etwas, für das ja mitunter das Judentum, das Christentum und der Islam bekannt sind, als auch einige Kunstrichtungen wie die Renaissance, Klassik und Romantik. Sie alle kennzeichnet: Die Ansprüche unserer Vorfahren werden zumindest erst einmal ernst genommen. Ihre Erlebnisse fordern uns heraus, muten uns etwas zu, können uns gegenüber berechtigterweise anmaßend sein.

In der Tradition des Christentums und der Romantik steht der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson. Und was er über den menschlichen Umgang mit der Geschichte in seinem Essay „History“ schreibt, halte ich für sehr inspirierend.

Grob umrissen, sieht sein Gedankengang wie folgt aus:

1. Geschichte ist eine geistige Tätigkeit, die spezifisch menschlich ist. Tiere schreiben keine Geschichte, Computer auch nicht. Um uns hier und jetzt als Menschen zu bejahen und zu bekräftigen, müssen wir den adäquaten Zugang zur Geschichte finden.

2. Dieser Zugang ist, dass wir aus der Geschichte lernen, und zwar zu unserer eigenen Erziehung und Bildung. Denn wir Individuen sein, solche, die Verantwortung übernehmen. Wir müssen souverän handeln. Das setzt Selbstreflexion voraus. Und das genau ermöglicht uns die Beschäftigung mit der Geschichte: Wir erkennen uns selbst wieder in unseren Vorfahren. In ihren Stärken und Schwächen, in ihren Erfolgen und Niederlagen, in ihren Tugenden und Lastern, in ihrer Liebe und Grausamkeit, etc. Das bedeutet zugleich, dass wir ihnen zugestehen, uns gegenüber anmaßend zu sein, uns ihre Ansprüche zuzumuten. Erst wenn wir uns damit – würdigend oder kritisch – auseinandersetzen, erst dann können wir auch wissen, warum wir was tun.

3. Nicht aufgelöst werden darf allerdings dieser Zusammenhang: mich in anderen wiederzuerkennen und dass ihre Ansprüche mir etwas zumuten. Ansonsten verfalle ich einem blinden Gehorsam, der es mir nicht erlaubt, mich zu reflektieren. Geschichte muss deshalb biografisch werden. Biografisch werden bedeutet, dass wir uns in vergangenen Ereignisse, Taten, Ideen, Erfahrungen, Empfindungen usw. wiedererkennen. Wenn ich Geschichte als Mensch lese, dann lese ich sie als meine eigene Lebensgeschichte – würdigend und kritisch.

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Abschließend einige Zitate aus Emersons Text zur weiteren Erläuterung, zu Meditation, zum Nachdenken:

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1. Geschichte als etwas spezifisch Menschliches, da sie der menschliche Geist erschaffen hat.

Of the works of this mind history is the record.

This human mind wrote history, and this must read it. The Sphinx must solve her own riddle.

As near and proper to us is also that old fable of the Sphinx, who was said to sit in the road-side and put riddles to every passenger. If the man could not answer, she swallowed him alive. If he could solve the riddle, the Sphinx was slain. What is our life but an endless flight of winged facts or events! In splendid variety these changes come, all putting questions to the human spirit. Those men who cannot answer by a superior wisdom these facts or questions of time, serve them. Facts encumber them, tyrannize over them, and make the men of routine the men of sense, in whom a literal obedience to facts has extinguished every spark of that light by which man is truly man. But if the man is true to his better instincts or sentiments, and refuses the dominion of facts, as one that comes of a higher race, remains fast by the soul and sees the principle, then the facts fall aptly and supple into their places; they know their master, and the meanest of them glorifies him.

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2. Aus der Geschichte lernen für die Erziehung und Bildung.

It is remarkable that involuntarily we always read as superior beings. Universal history, the poets, the romancers, do not in their stateliest pictures — in the sacerdotal, the imperial palaces, in the triumphs of will or of genius — anywhere lose our ear, anywhere make us feel that we intrude, that this is for better men; but rather is it true, that in their grandest strokes we feel most at home. All that Shakspeare says of the king, yonder slip of a boy that reads in the corner feels to be true of himself. We sympathize in the great moments of history, in the great discoveries, the great resistances, the great prosperities of men; — because there law was enacted, the sea was searched, the land was found, or the blow was struck for us, as we ourselves in that place would have done or applauded.

We have the same interest in condition and character. We honor the rich, because they have externally the freedom, power, and grace which we feel to be proper to man, proper to us. So all that is said of the wise man by Stoic, or oriental or modern essayist, describes to each reader his own idea, describes his unattained but attainable self.

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3. Geschichte als echt menschliche Geschichte nur, wenn sie biografisch ist.

The world exists for the education of each man. There is no age or state of society or mode of action in history, to which there is not somewhat corresponding in his life.

If the whole of history is in one man, it is all to be explained from individual experience. There is a relation between the hours of our life and the centuries of time. As the air I breathe is drawn from the great repositories of nature, as the light on my book is yielded by a star a hundred millions of miles distant, as the poise of my body depends on the equilibrium of centrifugal and centripetal forces, so the hours should be instructed by the ages, and the ages explained by the hours.

The fact narrated must correspond to something in me to be credible or intelligible. We as we read must become Greeks, Romans, Turks, priest and king, martyr and executioner, must fasten these images to some reality in our secret experience, or we shall learn nothing rightly. What befell Asdrubal or Caesar Borgia is as much an illustration of the mind’s powers and depravations as what has befallen us. Each new law and political movement has meaning for you. Stand before each of its tablets and say, ‚Under this mask did my Proteus nature hide itself.‘ This remedies the defect of our too great nearness to ourselves. This throws our actions into perspective: and as crabs, goats, scorpions, the balance, and the waterpot lose their meanness when hung as signs in the zodiac, so I can see my own vices without heat in the distant persons of Solomon, Alcibiades, and Catiline.

He should see that he can live all history in his own person. He must sit solidly at home, and not suffer himself to be bullied by kings or empires, but know that he is greater than all the geography and all the government of the world; he must transfer the point of view from which history is commonly read, from Rome and Athens and London to himself, and not deny his conviction that he is the court, and if England or Egypt have any thing to say to him, he will try the case; if not, let them for ever be silent.

We are always coming up with the emphatic facts of history in our private experience, and verifying them here. All history becomes subjective; in other words, there is properly no history; only biography. Every mind must know the whole lesson for itself, — must go over the whole ground. What it does not see, what it does not live, it will not know. What the former age has epitomized into a formula or rule for manipular convenience, it will lose all the good of verifying for itself, by means of the wall of that rule. Somewhere, sometime, it will demand and find compensation for that loss by doing the work itself. Ferguson discovered many things in astronomy which had long been known. The better for him. History must be this or it is nothing.

History no longer shall be a dull book. It shall walk incarnate in every just and wise man. You shall not tell me by languages and titles a catalogue of the volumes you have read. You shall make me feel what periods you have lived.

Gleicht Geschichte nicht dem Nachbild im geschlossenen Auge?

Ein Bild, so kontrastreich, dass es detailarm ist.

Wir wissen zwar vieles über die Vergangenheit und das Leben der Menschen früher. Wir können uns sogar einfühlen. Aber wissen wir wirklich, wie das Leben für diese Menschen war?

Ein Licht, dessen Konturen somit zwar klar sind, aber dessen Farben verkehrt sind.

Wenn wir nur schwer wissen, wie das Leben für unsere Vorfahren war, können wir dann auch einschätzen, inwieweit wir wir über sie urteilen können? Und inwieweit können wir das, wonach sie sich gerichtet haben, für uns heute geltend und fruchtbar machen?

Ein Licht, das mir meine Umgebung nicht erhellt, wenngleich es ausreichend leuchtet, sodass ich mich auch im Dunkeln eine Weile fortbewegen kann.

Nicht zu unrecht schreiben Blake und Emerson dagegen, dass wir Menschen Zitate werden, Zitate früherer Menschen. Weisheit und Originalität müssen wir uns durch eigene Aktivität aneignen. Aber auch Thoreau hat Recht, wenn er sagt, dass es schwer ist anzufangen, ohne zu borgen.

präsentiert: Miroslav Volf: Captive to the Word of God

Die Bibel ist eine alte, sehr alte Büchersammlung. Und sie ist noch heute für zahlreiche Menschen von vielerlei Bedeutung. Nur, wie soll man sie in unserer Zeit theologisch richtig lesen? Diese Frage stellt sich Miroslav Volf in dem Anfangskapitel zu seinem Buch Captive to the Word of God.

Die Bibel befindet sich also zwischen zwei Extremen. Sie ist ein antike Büchersammlung, geschrieben für eine antike Leserschaft. Zugleich beruht auf ihr der christliche Glaube, der auch heute noch für viele Menschen von lebensentscheidender Bedeutung ist. Für wenig überzeugend und brauchbar hält es Volf nun, wenn sich Christinnen und Christen einseitig auf eines der beiden Extreme stürzen: Evangelikale tendieren dazu, sich exklusiv und streng mit der Bibel zu befassen; Liberale hingegen schätzen die Bibel zu gering ein in ihrer Relevanz für heute. Beide Positionen hält er nicht für überzeugend und praktikabel. Er schlägt daher einen Zugang vor, der die Anliegen beider Positionen aufnimmt und zugleich transformiert. Das beinhaltet zum Einen: die Bejahung einer kontrollierten Vielstimmigkeit. Zum Anderen beinhaltet schließt dieser Zugang mit ein, sich mit kritischem Respekt den biblischen Texten zu nähern.

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1. Die Vielstimmigkeit der Bibel.

Wie erwähnt, viele Evangelikale vertreten die Auffassung, biblische Texte hätten einen einzigen Sinn. Dem hält er entgegen, dass die Bibel im Munde der zeitgenössischen Leserinnen und Leser vielstimmig wird. Biblische Texte haben eine Vielzahl an legitimen Bedeutungen. Wie sich also das Leben der Hörerinnen und Leser der Bibel ändert, so ändern sich auch die Bedeutungen biblischer Texte.

Nur spricht das noch lange nicht dafür, dass alles erlaubt sei. Es stimmt schon: Texte und Menschen als Handelnde können nicht analog zueinander betrachtet werden. Wir handeln mit Absicht, wir sind für unsere Taten verantwortlich – und können für sie verantwortlich gemacht werden – und wir können uns im Gespräch miteinander verständlich machen. Das alles trifft für Texte nicht zu. Dennoch, Texte sind nun einmal beabsichtigt und sollen etwas kommunizieren – wenngleich die Autorin oder der Autor darüber niemals volle Kontrolle hat. Wir kennen das selbst: Zahlreiche Fehldeutungen, Missverständnisse, Unklarheiten oder sogar die Einsicht bzw. Erfahrung, dass Leserinnen und Leser einen Text besser verstehen, als die Verfasserin oder der Verfasser selbst bzw. dass wir uns durch die Wiederholung unserer Worte im Munde der anderen manchmal besser verstehen als uns lieb ist oder wir uns jemals erträumt haben.

Was ermöglicht nun Kommunikation zwischen Menschen? Worte müssen in verständlicher Weise genutzt werden. Die Leserin oder der Hörer dieser Worte muss sie nun verbinden können mit Phänomenen, die selbst keine Worte sind: Nämlich mit der Absicht der Autorin oder des Sprechers und mit den übrigen Wahrnehmungen, die mit dem Kontext zu tun haben.

Aus diesen Überlegungen zieht Volf zwei Schlussfolgerungen: 1. Als Leserinnen und Leser erschaffen wir keine Bedeutungen, sondern entschlüsseln sie durch plausible Deutungen. 2. Das, was durch die Worte verschlüsselt wurde, so vielstimmig es auch sein mag, es ist immer eine Verschlüsselung von einer Sache eher als von einer anderen. Unseren Deutungen sind also Grenzen und Beschränkungen gesetzt.

Beispiel: Der berühmte Satz aus Psalm 18, Vers 30 „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ wurde auf Aufklebern, Federmappen etc. vor einigen Jahren ein Verkaufsschlager im christlichen Buchhandel. Und auch in einem Vortrag zur Bildungspolitik wurde er schon verwendet. Aber lässt sich dieser Text so einfach auf allerlei unterschiedliche Lebenssituationen übertragen? Ausführlich heißt es in dem Vers nämlich: „Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen und mit meinem Gott über Mauern springen.“ Der Kontext ist Krieg. Und mit Mauern dürften sicherlich Stadtmauern gemeint sein. Es geht also darum, mit Gottes Hilfe im Krieg Städte zu erobern. – – – Welche Strategie könnte besser geeignet sein, diesen Vers bzw. diesen Text für uns heute anzuwenden: eine Auslegung (also mit Textverweis) oder als bloße Anspielung?

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2. Statt die Bibel verdächtigend sie kritisch respektierend lesen.

Liest man die Bibel verdächtigend, dann tut man dies selbstredend kritisch und vornehmlich mit einem negativen Urteil. Als theologischen Zugang hält Volf das für unangemessen gegenüber einem heiligen Text. Er meint, ein heiliger Text müsse viel eher respektierend gelesen werden. Nun weiß er zugleich um den Einwand und das Problem, das mit einer solchen Lesehaltung einhergeht: Man befasst sich mit den biblischen Text nur noch passiv und unkritisch. Aber das muss nicht so sein, meint er.

Wenn sich respektierende und kritische Lesart miteinander verbinden, dann ist man nicht sofort mit einem negativen Urteil zur Stelle, sondern anerkennt zunächst einmal die Abwesenheit von Sinn. Dann wartet man darauf, dass sich ein Sinn ergibt. Dieser könnte sich einstellen aufgrund neuer Einsichten oder aufgrund persönlicher Wandlungen. Dennoch: Eine Garantie, dass Sinn auftaucht, gibt es nicht.

Des Weiteren ist es so: Um eine Botschaft gut empfangen zu können, muss ich den Text aktiv als ich selbst lesen.

Texte als ich selbst lesen heißt, dass ich sie als jemand lese, die oder der zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Gemeinschaft lebe.

Aktiv lesen bedeutet zweierlei: Je mehr ich bewusst als ich selbst gegenwärtig bin beim Lesen, desto mehr profitiere ich vom Lesen. Umgekehrt werde ich umso mehr ich selbst, je mehr ich von einem Text profitiere, der meine Geschichte erzählt, meine Geschichte, wie Gott mit der Welt umgeht. Lese ich die Bibel so, dann gelangt man zurück zur Geschichtlichkeit der Bibel und der damit verbundenen Vielfalt ihrer Bedeutungen.

Beispiel: Nehmen wir Psalm 2. Die Situation: Einige Könige wollen sich von der Herrschaft des israelitischen Königs befreien. Offensichtlich wurden sie von ihm erobert. Ihnen macht der König nun deutlich, was Gott zu ihm gesagt, und ihnen somit mitzuteilen hat: Dass er über sie spottet, dass er ihnen in Zorn begegnen wird, dass er dem israelitischen König jedes Land durch erfolgreiche Kriege geben wird, das dieser von ihm fordert. Das Fazit, das der israelitische König daraus für die von ihm unterdrückten Herrscher zieht: Sie sollen Gott dienen und ihn, den König, unterwürfig küssen.

Als jemand, die oder der in Zentraleuropa lebt, kann ich einem solchen Text mit Respekt entgegentreten? Mit Respekt und der Geduld, auf Sinn zu warten? Kann ich geduldig sein angesichts grassierender religiös-politischer Gewalt, von der wir in den Nachrichten immer wieder zu hören bekommen? Würde die Anwendung eines solchen Textes für Frieden in Kriegsgebieten sorgen können? Das ist kein Text, mit dem ein Unterdrückter versucht, sich von seinen Feinden Luft zu verschaffen. Es ist ein Text, geschrieben aus der Position triumphaler, machtvoller Dominanz gegenüber andersgläubigen Völkern, die man unterdrückt, wirtschaftlich ausnutzt, politisch bestimmt, religiös zwingt.

Diskutiert: Jörg Swoboda: „Vergesst nicht: Gott ist auch Richter“ (Interview)

Kürzlich fand die Evangelistenkonferenz statt. Da wurden unter anderem Jörg Swoboda und Klaus Jürgen Diehl zitiert: Sie halten es für höchst relevant, von der Hölle zu predigen.

Ihr Anliegen: Mit dem Missverständnis einer „billigen Gnade“ und eines glücklichmachenden Evangeliums aufzuräumen. Das halte ich für korrekt. Ebenso richtig ist: Errettet zu sein bedeutet, die eigene Lebensführung zu ändern.

Dennoch, das Thema Hölle ist ernst. Und das versucht Swoboda in dem Interview mit Idea zu sein:

Sie befragen mich zu ernsten Themen. Manche schütteln die Schwere des Themas ab, indem sie es weg-ironisieren oder darüber witzeln. … Doch in diesem Gespräch musste ich nun mal ernst bleiben.“

Es ist eine Antwort auf die Aussage des Journalisten

Ich stelle mir Swoboda als einen grimmigen Menschen vor.“

Es ist nicht einmal ein Zwischenton, den Swoboda zu überhören scheint: Ernsthaftigkeit mit Grimm gleichzusetzen. Beides hält er wohl nicht für unterscheidbar Das verleitet ihn dazu, mit drei fragwürdige Analogien sein Vorgehen verständlich zu machen. Der Versuch, es so darzustellen, als sei es doch fraglos selbstverständlich, Gerichts- und Höllenpredigen zu halten. Die drei Phänomene, die er in Analogie zu seinen Strafpredigten setzt, zeichnet nämlich aus: Sie sind für uns selbstverständlich und ohne einen Hauch von Fragwürdigkeit. Diese drei Phänomene sind: 1. Fluchtwegschilder, 2. Medizin, 3. Buh-Rufe im Fußballstadion gegen den Schiedsrichter und seine Fehlentscheidung.

Swobodas Ziel ist offensichtlich: Er will die Anstößigkeit der Höllenpredigt wegerklären. Wir empfinden Warn- und Hinweisschilder, bittere Medizin und Empörung im Stadion nicht anstößig. Zugleich ist sein Ziel undurchsichtig: Wie Jesus während seines Auftretens von vielen seiner Nachfolger verlassen wurde, so werden auch Swobodas Höllenpredigten dazu führen, dass einige ihn meiden. Er will also wiederum Anstoß erregen.

Neben dieser Unklarheit seiner Motivation gibt er ja zu, dass Höllen- und Strafpredigten selbst von Christen anstößig empfunden werden, dass seine Art zu predigen, von einigen Christen für fragwürdig gehalten wird.

Ich bin daher der Meinung, dass er seine Position mehr als nur unvorteilhaft stützen kann,w enn er Ernsthaftigkeit und Grimm gleichsetzt, widersprüchlichen Motivationen folgt sowie seine unpassende Analogien anwendet.

Ich bin der Meinung, die Rede von Sündenstrafen verlangt einerseits eine Unterscheidung zwischen Grimm und Ernsthaftigkeit, andererseits die Übernahme von Verantwortung. Verantwortung zum Einen für die Art und Weise, wie man über das Thema Sünde und deren Folgen spricht, zum Anderen Verantwortung dafür, was man mit der Rede von der Hölle bei den Zuhörerinnen und Zuhörern erreichen bzw. bewirken möchte.

1. Swoboda wendet unpassend Analogien an.

Zu der Analogie mit denn Fluchtwegen:

Ist etwa eine Warnung vor Seebeben Panikmacherei? Ich habe an der kalifornischen Pazifikküste viele Schilder mit Fluchtwegen gesehen, ohne die im Ernstfall Menschen umkommen würden. In jedem Hotelzimmer sind Überlebenspäckchen zu finden. Die malen ja auch nicht den Teufel an die Wand, sondern reagieren auf eine reale Gefahr.“

Zunächst einmal finden wir Schilder mit Fluchtwegen nicht anstößig. Sie sind auch nicht grimmig oder zornig. Vor allem aber ist es so: Sobald wir darin eingeführt und geübt sind, solche Schilder korrekt zu lesen und zu verstehen, sind sie für uns eindeutig. Das genaue Gegenteil ist der Fall bei der Hölle und den Höllenpredigten. Seit den frühesten Anfängen des Christentums ist es umstritten, ob es überhaupt eine Hölle gibt.

Zu der Analogie mit der Medizin:

Natürlich enthalten biblische Geschichten auch oft die bittere Pille der Selbsterkenntnis. Aber eine Medizin soll ja nicht schmecken, sondern heilen.“

Swoboda gibt sich mit dieser Analogie nicht kritisch gegenüber schulmedizinischen Therapieverfahren, der Pharmaindustrie oder Omas Hilfsmittelchen. Auch die Frage der Nebenwirkungen von Medizin scheint für ihn hier nicht relevant zu sein. Daher lässt sich zu dieser Analogie dies sagen: Er sieht die Wirkung von Medizin als heilend an. Es gibt aber einen gewichtigen Einwand gegen die Wirksamkeit von Höllenpredigten. Dass ausgerechnet sie aufrichtige Sündenerkenntnis verhindert. Dazu gleich mehr.

Zu seiner Analogie der empörten Stadionbesucher wegen einer falschen Entscheidung des Schiedsrichters:

Der Zusammenhang von Verfehlung und dem Ruf nach Gerechtigkeit ist uns ja nicht fremd. Ein ganzes Stadion buht den Schiedsrichter aus, wenn der ein Foul nicht ahndet. Der Schiri muss die Spielregeln durchsetzen. Strafe muss sein. Also: Noch nicht mal beim Fußballspiel lassen wir alle fünf gerade sein!“

Wir sprechen hier von Fußball. Einem Spiel. Hier gelten andere Regeln. Das ist nicht das Leben. In der Regel ist die Fehlentscheidung des Schiedsrichters am nächsten Morgen vergessen. Diejenigen, die nicht vergessen, die ausrasten – bis hin zu Gewaltexzessen und Mordandrohungen –, gerade diejenigen, die mit solchem Ernst und solchem Fanatismus ein Fußballspiel verfolgen, wir meinen zu Recht, dass sie nicht verstehen, was ein Spiel ist. Nicht nur, dass Rachlust an sich schon verwerflich ist, in einem solchen Kontext ist sie es noch vielmehr.

Apropos Rachlust:

So fremd ist uns das ja nicht, dass die Konsequenzen menschlichen Fehlverhaltens aufgezeigt werden. Das macht jede Umweltschutzorganisation: Die Regenwaldrodung führt zu Wasserknappheit und Versteppung, der CO2-Ausstoß zur Klimakatastrophe. Unsere Zeit ist voller Warnungen, denn alle Sünden haben Konsequenzen. Von Zeit zu Zeit zieht Gott auch seine bewahrende Hand zurück und lässt jetzt schon Katastrophen zu.“

Ihm geht es schließlich darum:

Er wird den Gedemütigten, Vertriebenen, Vergewaltigten und Verfolgten, Gefolterten und Hingerichteten zu ihrem Recht verhelfen und Sünden ahnden. Ich bin froh, dass Böses nicht gut geht!“

Das sind sehr sehr tiefgehende Fragen, die ungemein gewichtige Themen umfassen, die sich in Kürze nicht angemessen besprechen lassen. Für mein Ohr hört sich das aus seinem Mund aber recht rachdurstig an. Ich halte das für nicht ganz unproblematische emotionale Verfassung. Ich möchte nur so viel sagen: Mit seiner Vorstellung von der Hölle scheint Swoboda zu glauben, dass menschliche Handlungen mit einer adäquaten Strafe versehen werden. Hier spreche ich aus meiner Erfahrung: Ich habe zurückhaltende, vorsichtige Menschen kennengelernt, die mit demütigem Schrecken an die Hölle glauben. Sie haben ganz klar eines geäußert: Sie empfinden die Höllenstrafe für überzogen. Aber aus Gehorsam gegenüber der Bibel und in Unterwerfung unter Gott akzeptieren sie dennoch diesen Glauben. Ich habe aber auch solche kennengelernt, die ihren Höllenglauben mit Vehemenz, Ingrimm, ich möchte sagen: Arroganz, verteidigt haben.

Eine Arroganz, die ich persönlich auch an Swoboda heraushöre. Und das, obwohl er sagt:

Warum wird das Gericht Gottes immer so negativ dargestellt? Wohl deshalb, weil wir nicht nur Opfer sind.“

Ich halte diese Äußerung deshalb für arrogant, weil er wenigstens zwei gewichtige Einwände gegen die Höllenvorstellung ignoriert und einen karikiert. Einwände, die nicht von irgendwelchen blutlüsternen Monstern vorgetragen werden, sondern von Menschen, die anerkennen, dass es um ihre Sündhaftigkeit und die aller Menschen schlimm bestellt ist.

2. Einwände gegen die Hölle.

Wo ist der Sieg Gottes über die Sünde? Geht man davon aus, dass die Menschen in der Hölle Gott, eben unter Höllenqualen, anbeten – und nur dann gäbe es keine Sünde mehr –, das wirft erhebliche Anfragen an das Gottesbild auf. Beten sie ihn nicht an, und das ist ja sozusagen die Ursünde, dann existiert die Sünde ewig weiter. Es hat sich gegenüber unserem jetzigen Zustand nichts gebessert. Es ist sogar noch viel schlimmer, extremer und vor allem: absolut. Auf der einen Seite, jene, die ewiges Glück genießen, auf der anderen Seite, jene, die ewig leiden.

Und gerade dieses Leid, das angeblich Sündenerkenntnis verschaffen soll, halte ich für hinderlich, um zur Sündenerkenntnis zu gelangen. Warum? Wenn ich mit schlimmsten und unendlich andauernden, ewig gleich intensiven Qualen konfrontiert werde, will ich die natürlich vermeiden. Um jeden Preis! Dann höre ich, du musst an Jesus glauben. Gut, also glaube ich. Aber was ist meine Motivation? Was mich antreibt ist einfach: Ich will Unlust vermeiden und Glück genießen. So erkenne ich aber nicht meine Sünde. Ich werde sogar noch mehr darin gefangen. Denn gerade das ist ja kein Geheimnis: Wir versündigen uns, wir hegen unsere Laster und entwickeln Charakterschwächen, weil wir Unlust vermeiden wollen und nach Lust und Genuss streben. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, was Kierkegaard meines Erachtens richtig erkannt hat: Sokrates sah im Fehlverhalten lediglich einen Mangel an Erkenntnis, Jesus und die Apostel hingegen machen deutlich: Der Mensch will seine Sündhaftigkeit nicht erkennen.

Zwei weitere Einwände betreffen insbesondere Gottes Beziehung zum Bösen, die in verschiedenen Ausführungen einer Theodizee (Gottes Rechtfertigung angesichts der Übel in der Welt) versucht wird zu beschreiben. Andererseits glauben einige, dass Gottes Liebe (die sie nicht mit einer „romantischen Liebe“ gleichsetzen, wie das Swoboda karikierend meint) der Höllenvorstellung widerspricht.

Christen, die diese Einwände akzeptieren, tendieren häufig entweder zu einer Form der Allversöhnung (alle werden am Ende gerettet, wo die Hölle eine Form des Purgatoriums, Fegefeuers ist) oder Konditionalismus / Annihilationstheorie (nur in Beziehung mit Gott lebt die „Seele“ ewig (daher das Wort „Konditionalismus“: unter der Bedingung bzw. Kondition, dass…), das heißt, alle Ungläubigen existieren nach dem Tod einfach nicht mehr (daher leitet sich das Wort Annihilationstheorie her: die „Seelen“ Ungläubiger sind annihiliert, ausgelöscht)).

3. Spielt der Konditionalismus nicht nur abgrundtiefer Boshaftigkeit in die Hand, sondern nicht ebenso dem westlichen Wohlgefühl, dass nach dem Tod alles aus ist?

Die erste Anfrage ist ebenfalls sehr tiefgreifend und nicht in der Kürze angemessen zu beantworten. Die Höllenvorstellung hat aber weder verhindert, dass Menschen (selbst solche, die an die Hölle glauben) ihrer Boshaftigkeit (z.B. Mobbing, Diffamierungen usw.) und ihren grausamen Gelüsten nachgehen, noch ist fraglich, ob sie wirklich beruhigt (s. Dostojewskis Iwan Karamasow) und ob die Beruhigung von Wert wäre.

Zu dem zweiten Einwand, der Konditionalismus käme den Ungläubigen und Übeltätern geradezu entgegen. Weder glauben sie an ein Leben nach dem Tod, noch wollen sie ein solches. Deshalb dann aber die Hölle ins Spiel bringen? Das macht die Sache nicht besser.

– – – Im Johannesevangelium werden von Jesus nur zweimal ausdrücklich Gefühle, sogar Tränen, berichtet. Nämlich im Zusammenhang mit dem Tod. Jesus weint wegen seines verstorbenen Freundes Lazarus. Jesus ist erschüttert angesichts seines eigenen Todes. Dabei ist im Johannesevangelium deutlich: Jesus weiß, Lazarus wird auferstehen. Jesus weiß, er selbst wird auferstehen. Dennoch ist er angesichts des Todes erschüttert. Er weint sogar. (Man vergleiche hierzu Paulus: Der sich eher freut, tot zu sein und im Himmel mit Jesus, als noch länger auf der Erde zu verweilen.) Jesus spricht zuvor davon, dass wir Menschen Götter sind. (Vielleicht vergleichbar mit einer Aussage im Buch Prediger, dass Gott uns Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt hat?) Ich muss zugeben, beide Beobachtungen fangen meine Aufmerksamkeit, aber ich habe noch keine klaren Gedanken hierzu.

So viel vielleicht: Ungetrübte, himmlische Beziehungen – zu Gott, der Menschen untereinander, der Menschen zu allem, das lebt, und zum gesamten Universum – ist derart erstrebenswert, dass es mehr als nur traurig stimmen muss, dass wir dies jetzt nicht erleben, und dass andererseits Menschen dies nicht erleben wollen und sich mit dem Leben hier zufrieden geben. Könnte das womöglich eine Sünde sein, weil ich dann in meiner Selbstbezogenheit die Ordnung dieser Welt, in der Tod und Ungerechtigkeit vorherrschen, resigniert akzeptiere?

Dann hörte ich einmal einen Prediger wie er sagte, er glaubt, dass der Himmel in diesem Universum verwirklicht werden wird. Und wir werden Zeit haben, das gesamte Weltall zu erforschen. Ich muss sagen: Ja, diese Sehnsucht teile ich mit ihm.

Und Hamann schrieb einmal: „Es ist wahr, unsere Erde ist von dem Planeten Saturn hinunter nur ein Punkt. Allein es setzt sich nicht ein jeder dahin, wer da will.“ Ich verstehe das so: Es gibt etwas in uns Menschen, dass wir das Universum als auf uns gerichtet ansehen und dass es eigentlich gut für uns gemeint ist. Ein Optimismus, der natürlich von Nietzsche und Freud so nicht geteilt wurde. So sehr ich beide sehr interessant finde, aber ihren Pessimismus teile ich nicht. Darüber hinaus könnte diese Fähigkeit, einen derart reflektierten Standpunkt einzunehmen, ebenso ein Zeichen für unsere Ewigkeit und Göttlichkeit sein.

4. Wenn ich im Zusammenhang von Sünde über…

Liebe rede, dann sollte ich darauf hinweisen: Wie durstig wir danach sind, geliebt zu werden, aber wie unfähig und unwillig, sie selbst zu geben.

die Übel in der Welt rede, dann sollte ich nicht ausblenden: Ich bin eine, die sie mit verursacht, ich bin einer, der sie mit verursacht.

Hölle rede, dann muss ich die oben genannten Einwände mit berücksichtigen und in meine Art und Weise, über die Hölle zu sprechen, einfließen lassen. Dann muss ich Verantwortung dafür übernehmen, was Menschen Sündenerkenntnis und Glaube ermöglicht und was sie an dieser Erkenntnis und diesem Glauben hindern könnte.

Vielleicht wird sich herausstellen, dass aufgrund der Einwände gegen eine Höllenvorstellungen und aufgrund widerlicher Assoziationen mit dieser Vorstellung (tyrannische Unterdrückung und Kontrolle von Menschen über die Jahrhunderte), eine Position wie der Konditionalismus oder die Allversöhnungslehre eine wirklich ernsthafte, aber nicht grimmige Beschäftigung mit dem Thema Sünde und Schuld ist. Dann wird das Gericht dies sein, wie Jesus sagte, dass wir unsere bösen Taten nicht ans Licht bringen. Es wird Finsternis sein. Eine Finsternis, von der wir nicht wissen, was sie sein wird. Dann bedeutet Errettung, dass wir unseren Unglauben und unsere unsere Sünde und unsere bösen Taten erschüttert bekennen und dass, wenn wir wiedergeboren sind, unsere Taten von Gott gewirkt sind, aus einem von Gott geführten Leben geboren werden. Dann werden wir unsere „Wohnung im Haus von Jesus’ Vater“ beziehen.

 

Präsentiert: Peter Enns, „Is there payoff for the church in reading the Bible critically?“

Die Idee dieses Blogs ist es, dem Bild von Jesus gerecht zu werden, dass wiedergeboren zu leben bedeutet, sich von Tradition gewissermaßen zu befreien und Erwartungen nicht um jeden Preis zu bestätigen.

Ich möchte daher in Dialog treten mit Positionen, die zunächst einmal fern von evangelikalen Positionen zu sein scheinen, die aber von Evangelikalen diskutiert werden. Von Evangelikalen, die (wie ich meine) versuchen, Anschluss an jene Markierungspunkte des Evangelikalismus zu finden, wie sie Stanley J. Grenz in Renewing the Center. Evangelical Theology in a Post-Theological Era (mit Bezug auf David Bebbington) nennt: Fokus auf Bekehrung, Aktivismus, Biblizismus und das Kreuz als Zentrum.

Dieses Wochenende las ich einen Beitrag von Peter Enns. Er versucht einen „dritten Weg“ zu formulieren zwischen evangelikaler Defensive, wissenschaftliche Einsichten zu ignorieren oder aus Prinzip zu widerlegen, und liberaler Gleichgültigkeit gegenüber der Gemeinschaft von Christen, nämlich historische Kritik zu betreiben, ohne aus den Einsichten theologische Schlussfolgerungen für unsere Situation heute zu ziehen.

Well known and widely accepted things like the presence of myth, contradictions, and numerous historical problems in the Old Testament, not to mention the New Testament’s midrashic use of the Old, have not been handled well within evangelicalism. … The Bible professor replied, “Our job is to protect you from this information.”

On the other end of the spectrum we have the mainline church and theological interpretation—which is a movement to recover scripture for the church (the mainline church) in the wake of the historical critical revolution, which has not always been friendly to life and faith.

Sein „dritter Weg“ versucht das theologische Anliegen konservativer Evangelikaler mit den kritischen Einsichten liberaler historischer Kritik zu verbinden. Und zwar zu einer für die Gläubigen fruchtbaren Einheit. Er fragt daher, welchen Gewinn wir davon haben, wenn wir die Bibel kritisch und theologisch lesen.

For me, one payoff of this synthesis is a Bible that is remarkably dynamic and therefore personally meaningful. … Scripture houses a theological dynamic that is intentionally innovative, adaptive, and contemporizing. Scripture’s inner dynamic provides a model for our own theological appropriation of scripture. As Michael Fishbane reminds us, within scripture the authoritative text of the past is not simply received by the faithful but is necessarily adapted and built upon.

How does that back there speak to us here? And answering that question is a transaction between past and present that always involves some creative adaptation. I don’t see this dynamic as a problem. It’s a gift. What more could the church want from its scripture? Don’t make a move without it, but when you move—you may need to move, not just remain where things have been. This is what I mean throughout The Bible Tells Me So when I say that the Bible is not an owner’s manual or an instruction guide. It is a model of our own inevitable theological process, because the question is never simply what did God do then, but what is God surprisingly, unexpectedly, counterintuitively, in complete freedom, doing now?

Johann Georg Hamann beschreibt in Aesthetica in nuce unseren Zugang zur Natur und zur Bibel mit dem Ineinanderfallen eines Gegensatzes.

Wir verstehen und deuten die Natur und die Bibel als gäbe es keinen Gott. Die Natur, zum Beispiel geordnet durch eherne Gesetze, symbolisierbar in mathematischen Formeln. Die Bibel, uneinheitlich zusammengestelltes Sammelsurium schriftlicher Zeugnisse von Menschen längst vergangener Zeiten. Man müsste also dumm wie Brot sein, glaubte man, von der Natur und der Bibel auf Gott schließen zu können. Und doch drängt sich uns Gottes Existenz unleugbar in der Natur und der Bibel auf. So dass wir nicht anders können, als uns ihm zu beugen, ihn anzubeten.

Die Einheit des Urhebers spiegelt sich bis in dem Dialecte seiner Werke; – in allen Ein Ton von unermäslicher Höhe und Tiefe! Ein Beweiß der herrlichen Majestät und leersten Entäußerung! Ein Wunder von solcher unendlichen Ruhe, die GOTT dem Nichts gleich macht, daß man sein Daseyn aus Gewissen leugnen oder ein Vieh seyn muß; aber zugleich von solcher unendlichen Kraft, die Alles in Allen erfüllt, daß man sich vor seiner innigsten Zuthätigkeit nicht zu retten weiß!

Welchen Gewinn haben wir durch dieses Ineinanderfallen eines solchen Widerspruchs? Die Behauptung unserer Freiheit (vor Konformität) und den Verweis auf unsere Verantwortung (gegenüber uns selbst, anderen und Gott). Der rote Faden einer gemeinsamen Erfahrung mit Gott über Jahrtausende. Die Möglichkeit, aus den Erfolgen und Fehlern vorangegangener Generationen zu lernen. Die Hoffnung, dass sich die Wirklichkeit Gottes auch in unseren Leben zeigt.