Archiv der Kategorie: Spiritualität

Präsentiert: Cindy Brandt: „All I Want for Christmas Is Uncertainty“

Habe ich schon erwähnt, dass der Busbahnhof früher mal ein Kinosaal war? Der Bus, der mich nach Coerzi bringen sollte, zu Alice, fuhr langsam dort los.

Langsam… als fiele es ihm schwer, sich von dem zähen Gemisch alter Geschichten, die in der Luft lagen, loszureißen.

Als fehlten dem Bus, dachte ich, die nötigen Kräfte oder der Mut, sich auf die Straße zu werfen, um seine eigene Geschichte zu leben, frisch und unverbraucht. Frisch, und ohne altbekannten Schluss.

Ich dagegen – so sagte ich mir – fühle mich heute sehr stark, und ich bin unterwegs. Ich habe den Mut und die Energie, die man braucht, um schließlich… um Hilfe zu bitten.

Zentner/Mattotti: Der Klang des Rauhreifs, S. 67f

Die Idee dieses Blogs ist es, dem Bild von Jesus gerecht zu werden, dass wiedergeboren zu leben bedeutet, sich von Tradition gewissermaßen zu befreien und Erwartungen nicht um jeden Preis zu bestätigen.

Ich möchte daher in Dialog treten mit Positionen, die zunächst einmal fern von evangelikalen Positionen zu sein scheinen, die aber von Evangelikalen diskutiert werden. Von Evangelikalen, die (wie ich meine) versuchen, Anschluss an jene Markierungspunkte des Evangelikalismus zu finden, wie sie Stanley J. Grenz in Renewing the Center. Evangelical Theology in a Post-Theological Era (mit Bezug auf David Bebbington) nennt: Fokus auf Bekehrung, Aktivismus, Biblizismus und das Kreuz als Zentrum.

Um Weihnachten herum las ich einen Blogbeitrag von Cindy Brandt mit dem Titel „All I Want for Christmas Is Uncertainty“. An vielen Punkten sprach sie mir da aus dem Herzen.

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Für Evangelikale ist es ein markantes – und ich meine, durchaus zu schätzendes – Kennzeichen, das sie von vielen anderen Christen und Menschen abhebt: Sie lesen die Bibel, um Antworten auf ihre Lebensfragen, ihre Lebensführung, ihre Lebenswelt zu finden. Was ist jetzt hilfreich? Was ist jetzt zu tun? Häufig habe ich es dennoch als eine rastlose, oberflächliche, fragenlose, selbstgewisse Art und Weise erlebt, die Bibel zu lesen, Texte, die 2000 Jahre und älter sind. Immer auf der Suche nach der Bestätigung des Status quo, immer als Bekräftigung der eigenen Selbstkontrolle, immer als Wiederholung und Erläuterung und Ausbau der eigenen Theologie.

Wer aber immer nur unmittelbar auf Selbstbestätigung und aufs Handeln ausgerichtet ist, wird sich nicht reflektieren können. Es heißt, die Philosophie sei entstanden, weil die Menschen ausreichend Zeit hatten, nach der Arbeit nachzudenken. Selbes sollte für theologisches Denken in unseren Breitengraden gelten. Wenn wir die Zeit haben, nachzudenken, dann sollten wir sie auch nutzen. Und das beginnt damit, Fragen zu stellen. Mit Fragen drückeich mein Unwissen aus, belkräftige ich die Tatsache: Es gibt (für mich) Unbekanntes, Geheimnisvolles.

We are most inspired by the unknown.“

Mystery invites participation, not for the sake of removing what is unknown, but to ignite a passion for learning beyond what is certain and be changed through the process.“

Inspiriert sind wir durch das Unbekannte dann, wenn wir ehrliche Fragen stellen, auf deren Antworten wir hören – und sei es ein Schweigen.

Nicht nur, dass wir uns durch Fragen zurückhaltend dem Anderen, dem Fremden, dem Neuen als dem Ganz Anderen, dem Völlig Fremden, dem Total Neuen nähern, wir öffnen uns auch dafür. Wir öffnen uns dafür, heißt:

Wir bemühen uns, zu verstehen.

Wir lassen uns herausfordern.

Wir lernen davon.

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Zurecht fragt sich sich Cindy Brandt daher:

Why is it then, we insist on equating our Christian faith to certainty? We sing about a Blessed Assurance and hold intensive meetings to discuss the essentials of faith. We share testimonies of God stories to shelve any doubts of God’s existence. We preach the same sermons, pray the same prayers, tell the same stories, week after week to convince ourselves it all is still true.“

Is this what our Christianity has been reduced to, more of the same? I am sorry, but I simply cannot muster up anymore enthusiasm for such a formulaic faith; it’s like taking elementary classes all over again. I already know that two plus two equals four.“

If I know exactly how the characters of a story are going to end up (repented, reconciled, redeemed), then I cannot feel invested in the journey. These are pre-programmed characters — propaganda puppets.“

Inwieweit haben wir Christen unsere Sprache in stabile Bilder (Blut, Kreuz, König, Heiland, Herr, heilig usw.) verwandelt. Inwiefern gleicht unser christlicher Jargon einer in Eis gebetteten Welt? Eine Welt, in der wir nur noch rutschen und nicht mehr gehen. Eine Welt, durch die wir gleiten, anstatt sie uns unter Mühen zu erwandern und zu erklettern.

Wie häufig sind die Zeugnisse und Erlebnisse, von denen ich höre, nicht nur bereits mit dem ersten Satz fertig erzählt: Ich weiß, wie das Ende ausgesehen haben wird. Mehr noch: Wie sehr verlangen diese Erzählungen von mir, dass ich Beispiele aus meinem Leben liefere, die diese bestätigen. Aber was ist, wenn ich nicht nur kein Beispiel zu liefern habe, sondern meine Beispiele jenen sogar entgegenlaufen? Und wie kann ich mein Beispiel erzählen, ohne dass ich andere dränge, dass sie es genauso erleben müssen? Wie kann ich dennoch mein Beispiel so erzählen, dass ich andere herausfordere? (Denn mein Leben ist ein Beispiel für das Leben aller – wie umgekehrt das Leben der anderen ein Beispiel für mich ist.) Und wie kann ich verhindern, dass ich mich selbst inszeniere?

Nehmen wir das Beispiel Leid:

I am longing for the gift of uncertainty, a type of profound mystery that welcomes questions, a faith that requires a leap of faith to sustain. I don’t want to be told the answers to life’s pain. I want to live through the darkness and grope for God’s Holy Hand.“

And I want to keep searching for God, even when I’m not sure God exists.“

Ich war vor längerer Zeit auf einem Friedhof. Es war Winter. Von weitem sah ich plötzlich irgendwas Buntes. Ich konnte es nicht erkennen. Das machte mich neugierig. Ich ging dorthin. Ich kam näher. Ich konnte es nicht erkennen. Was ist das? Ich kam näher. Noch immer war es für mich nicht erkenntlich, was ich da sehe. Dann begann es in mir zu dämmern: Hat das was mit Kindern zu tun? Ich trat heran und ich sah: Ja, es ist eine Stelle, an der vielleicht um die hundert bunt bemalte Steinchen liegen, Fähnchen, Spielzeug, Windräder. Ich sah auf die bunten Steinchen: Darauf stehen Namen. Und Daten. Zwischen dem Datum hinter dem Sternchen und dem Datum hinter dem Kreuz liegen vielleicht zwei Tage, oder drei. Manchmal auch nur eine Datumsangabe. Ein Friedhof für Babys, die kaum nach der Geburt gestorben sind, die bei der Geburt gestorben sind.

Es überkam mich eine Leere. Geschichten, von denen ich gelesen habe. Beziehungen, die auseinander brechen. Familien, die kaputt gehen. Depressionen, von denen die Eltern übermannt werden. Vielleicht sogar Zweifel an Gott.

Ich teilte diese Erfahrung mit Freundinnen. Von einer bekam ich zu hören: Aber mit Gottes Hilfe kann die Beziehung der Eltern gerettet und geheilt werden. Mit Gottes Hilfe können die Eltern über den Schmerz hinwegkommen. Ein Beispiel hatte sie sofort parat. Von Christen, die genau das erlebt haben. Das erschreckte mich irgendwie und machte mich auch etwas wütend.

Denn ich erinnere mich an die Stille an diesem Nachmittag. Als ich alleine in diesem Friedhof war. Allein vor all diesen bunten Steinchen, Fähnchen, Windrädern, Spielzeugen. Diese Stille und diese Leere in mir.

Denn ich finde es irgendwie ein bisschen symptomatisch. Warum sind Christen manchmal so ungeduldig, hastig? Warum fällt es Christen so schwer Pause zu machen? Warum haben sie so häufig ein Beispiel, eine Antwort, eine Lösung parat? Warum haben sie kein Gespür für Gottes Schweigen? Für das Schweigen der Freunde Hiobs – die auch besser für immer geschwiegen hätten. Denn am Ende zogen sie sich mit ihren Worten nicht nur die Wut Hiobs, sondern auch den Zorn Gottes zu.

Und ja, Hiob bekam am Ende alles doppelt zurück. Ist das zynisch? Eine andere Freundin von mir meinte in dem Zusammenhang: Mit dem Verlust ist nicht Schluss. Das Leben geht weiter. Das fand ich irgendwie gut. Denn es stellt sich auch die Frage: Wie?

Über Umwege zu unseren Wünschen

Durch die „Zone“ führt der Stalker (was hier nichts mit dem englischsprachigen Wort gemeinsam hat) den Schriftsteller und den Physikprofessor zu jenem Raum. Nicht irgendein Raum. Sondern der Raum, in dem ihr innigster Wunsch wahr wird.

Doch sie können nicht geradewegs auf ihn zugehen (51:50-55:00). Umwege müssen sie nehmen. Sich mit Ehrfurcht und Respekt einen Pfad suchen. Sich in Demut dem Raum nähern.

Das frustriert die beiden Abenteurer. Ist der Raum doch so nahe. Bereits zu sehen. Mit der Zeit werden sie ungeduldig. Werden giftig. Ungewollt entlarven sie ihre Motive, ihre Verbitterung, ihre Rachsucht, ihren Stolz, ihre Verletzungen, ihre Selbstzweifel.

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Ich wünschte, uns würde ein Stalker führen. Durch unser Welt, die sich uns nur noch bewerben kann und uns zu verführen versucht. „Gib deinen Wünschen nach, die du von mir hast. Du wirst zufrieden sein. Entdecke ungeahnte Bedürfnisse, die ich in dich pflanze. Und du wirst glücklich sein.“ Unsere Augen drehen sich in unseren Kopf. Wir öffnen uns weit. Unsere Arme breit. Atmen tief ein. Die Gardinen unserer Seele flattern und unsere Lungen atmen freie Luft. Unser Verlangen. Unsere Verlockungen.

Doch was ist, wenn diese unmittelbaren Wünsche unsere eigentlichen verdecken? Ein anderer Stalker, Dornhaupt sein Name, betrat den Raum. Er wurde reich, unfassbar reich. Nur, er wünschte sich doch Gesundheit für seinen Bruder. Man fand ihn baumelnd mit einer Strippe um den Hals. Was, wenn wir unsere tiefsten und ehrlichsten Wünsche nur über Umwege entdecken können? In Gemeinschaft mit Jesus und anderen Menschen. Durch geistliche Vorbilder. Durch aufrichtige, demütige, zurückhaltende spirituelle Führerinnen und Führer, die uns in Freiheit entlassen. Vielleicht werden sich am Ende unsere Gebete ändern. Vielleicht werden wir uns wünschen, dass wir verändert werden. Damit wir uns nicht enttäuscht unserem Stumpfsinn hingeben. Damit wir uns nicht resigniert in einem Floß den Fluss hinunter in den horizontlosen Ozean treiben lassen, den der Himmel mit seiner grauen Atmosphäre zudeckt.

Vielleicht werden wir dann stille sein. Stille sein. Und dem Regen zuhören können, wie er durch das löchrige Dach in jenen Raum fällt.

„There’s no need to cry“ – Oder warum es doch gut ist, zu weinen

Sie hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.

Jesus zu Simon im Lukasevangelium Kapitel 7, Vers 44

Trost zu spenden, jemanden zu trösten verlangt von dir und mir Leidenschaft. Leidenschaft im Unterschied zur nüchternen Tatsachenaussage, die Fakten schafft. Leidenschaft im Unterschied zu institutionalisierten Sprechhandlungen, wo zum Beispiel „Ich verurteile Sie hiermit zu …“ und „Ich erkläre Sie hiermit zu Mann und Frau“ Tatsachen schafft. Leidenschaften schaffen keine Fakten. Unser leidenschaftlicher Austausch gewährt uns gegenseitig Freiheit.

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Wie tröstlich ist Brian Healy’s Song „If the Stars Should Fall“ für den einen!

If the stars should fall tonight

I’ll be by your side

Please remember that I love you and all those tears you cried

We can brave the storm together

Through the darkness and the light

I’ll be with you forever

There’s no need to cry

Wie untröstlich für die andere! „There’s no need to cry.“ Das klingt nun wirklich irgendwie männlich. So zu trösten kann doch auch nur einem Mann einfallen. Oder? 😉 Und dann noch diese tiefe Stimme. – – – Den Körper beherrschen und mit ihm auch das eigene Innenleben.

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Nun ja, orientalische Männer haben schon auch viel geweint – und sich nicht dafür geschämt:

Und während Esra betete und, weinend und vor dem Haus Gottes daliegend, die Schuld bekannte, versammelte sich um ihn eine sehr zahlreiche Versammlung aus Israel, Männer und Frauen und Kinder; denn auch das Volk weinte unter vielen Tränen.

Esra Kapitel 10, Vers 1

Meine Gefährten verspotten mich. Zu Gott blickt mein Auge mit Tränen auf,

Hiob Kapitel 16, Vers 20

Müde bin ich durch mein Seufzen; die ganze Nacht schwemme ich mein Bett, mache mit meinen Tränen mein Lager zerfließen.

Psalm 6, Vers 7

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Also was, wenn ich mit meinen Tränen meine eigene Traurigkeit und Bitterkeit durchlebe?

Wenn meine Traurigkeit mit meinen Tränen in Bächen aus mir herausfließt, in ein Meer menschlich geteilter Erinnerungen, in einen Ozean, der so tief ist, dass ich mich später glücklicherweise nicht mehr an die Tiefe des Schmerzes und der Bitterkeit erinnern kann?

Was, wenn meine Tränen ein zerrissener, kalter Mantel sind, der mich spüren lässt: Ich bin eins mit meinem zittrigen Körper und meinen bitteren Gefühlen?

Wenn meine Tränen ein warmer, neuer Mantel sind, der mich einhüllt, so dass ich in meine Einsamkeit und Einzigartigkeit eintauche: Dass mein Elend unvergleichlich ist und der Heiligung bedarf und dass Worte des Trostes durch dich, meine Freundin, oder durch dich, mein Gott, ganz treffen oder ganz verfehlen können, damit ich frei bin, frei, mir meine Zeit zum Trauern zu nehmen, frei, meine Lehren aus meinem Elend zu ziehen, frei, mich dir, meine Freundin, und dir, mein Gott, zu öffnen.

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Neben den orientalischen Männern sind uns auch Kinder ein Vorbild. Sie dürfen weinen. Ungeniert.

Sad child

Go on cry

That melancholy ghost is haunting your heart

Sad child

Go on cry

That melancholy ghost

Is haunting your young heart

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Auf jeden Fall, danke, Brian, für dein tröstliches Lied. Danke für deinen ganz persönlichen Trost. Den ich aufnehmen und bedenken darf. Dieses Lied ist schön. So schön menschlich.

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