Archiv der Kategorie: Glaube

Prediger 5,9-6,9 (Teil 2): Lob der Bescheidenheit

Welche Schlussfolgerung ist daraus zu ziehen? Was soll man tun? Es ist die allseits bekannte Antwort: „Siehe, was ich als gut, was ich als schön ersehen habe: Dass einer isst und trinkt und Gutes sieht bei all seiner Mühe, mit der er sich abmüht unter der Sonne, die Zahl seiner Lebenstage.“ Es sind dieselben Worte wie bisher. Jetzt aber mit einer völlig neuen Bedeutung. Bisher befürwortete diese Aussage ein beschaulich, überschaubares Leben aus, bei dem man nicht nachdenkt, sich keine Fragen, schon gar keine unliebsamen, stellt. Nun ist es ein bewusster Lebensstil: Ein Lebensstil der Bescheidenheit. Und in Bescheidenheit leben zu können, dazu befähigt einen Gott. Auch den Reichen: „Auch jeder Mensch, dem Gott Reichtum und Güter gegeben und den er ermächtigt hat, davon zu genießen und sein Teil zu nehmen und sich bei seiner Mühe zu freuen – das ist eine Gabe Gottes.“

Es ist eine neue, heilige Unbewusstheit: „Denn er denkt nicht viel an die Tage seines Lebens, weil Gott ihn mit der Freude seines Herzens beschäftigt.“ Man sorgt sich nicht mehr, man vergleicht sich nicht mehr, man begehrt nicht mehr. Sondern man ist genügsam und zufrieden.

Wie wichtig Genügsamkeit, Zufriedenheit und Bescheidenheit sind, macht Kohelet mit zwei folgenden Analysen deutlich: Jegliche Entgrenzung menschlicher Beschränkungen, sei es Reichtum, viele Kinder und ein langes Leben – also finanzielle, soziale und gesundheitliche Absicherung –, jegliche solcher Entgrenzungen sind wertlos, wenn ein finanziell abgesicherter, kinderreicher, gesunder Mensch Gutes nicht zu sehen bekommt, Gutes nicht genießen kann, am Guten nicht satt wird. Ein solches Leben ist nicht nur wertloser als das einer Fehlgeburt, sondern sogar noch schlimmer. Schlimmer aufgrund der Möglichkeiten, die ein solcher Mensch hätte im Leben verwirklichen bzw. verwirklicht haben können. Möglichkeiten, die eine Fehlgeburt nicht gehabt hätte.

Aber mehr noch. Am Guten nicht satt werden, Gutes nicht genießen können – das ist ein Zeichen für Sünde. Denn „alles Mühen des Menschen ist für den Mund, und doch wird seine Begierde nicht gestillt.“ Es ist die Begierde, die entgrenzt wird, die monumental und unendlich wird. Negativ unendlich. Und das zeichnet dann letztlich einen weisen Menschen gegenüber einem törichten Menschen aus, der es versteht, demütig und recht vor den Menschen zu leben. Er sieht mit seinen Augen und wird satt. Er schweift nicht in Begierden umher.

Aber wieder drängt sich die Frage auf: Kann ein weiser Mensch Gutes genießen, weil er weise ist? Weil er weise ist, kann er sich Gutes verschaffen und dieses in Bescheidenheit genießen? Anders gefragt: Wenn ein Mensch Gutes nicht zu sehen bekommt, heißt das zwangsläufig, dass er nicht weise ist? Mit dieser Frage beschäftigt sich Kohelet in einem weiteren Schritt. Und da wird es um Bescheidenheit im Geistigen und Ansprechbarkeit gehen.

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Prediger 5,9-6,9 (Teil 1): Probleme mit dem Reichtum

Zuletzt war der Prediger bei folgendem Gedanken stehen geblieben: Die Eifersucht der Menschen aufeinander sorgt für allerlei Ungerechtigkeiten, selbst an jenen Orten, an denen Recht und Gerechtigkeit herrschen sollte. Als Alternative schlägt Kohelet daher vor, dass man miteinander und füreinander arbeitet. Und dass man sich in Bescheidenheit bei seinen Wünschen und vor Gott übt. Und dass man Verantwortung für die eigenen Taten übernimmt.

Aber spricht das nun gegen den Reichtum? Kohelet selbst berichtet ja von sich, dass er sich unermessliche Reichtümer angeschafft hat.

Für diese Frage nimmt er sich nun ein bisschen Zeit.

1.

Wer Geld liebt, wird des Geldes nicht satt.

Und wer den Reichtum liebt, nicht des Ertrages.“

Erst kürzlich berichtete die Welt [http://www.welt.de/finanzen/article139285786/Nullzinspolitik-kostet-jeden-Deutschen-1400-Euro.html]: „Finanz- und Euro-Krise fordern ihre Opfer, seit Jahren. (…) Es trifft auch die Deutschen, die für ihr sauer Erspartes inzwischen so gut wie keine Zinsen mehr erhalten.“ Das betrifft Tagesgeldkonten, Lebensversicherungen und Anleihen. Zinsen sanken hier, somit kam Geld abhanden. Zwischen 2010 und 2014 „hatte jeder Deutsche (…) im Schnitt bereits rund 1400 Euro an Zinsverlusten zu tragen, nach Abzug der Ersparnisse bei Krediten.“ Das hätte aber nicht so sein müssen, klärt die Welt auf. „Mangelndes Interesse an Aktien rächt sich jetzt.“ Die Aktienmärkte hätten sich positiv entwickelt. Und daran nehmen die Deutschen nicht teil. „Stattdessen gehören die Aktien der Dax-Unternehmen in der Mehrheit ausländischen Investoren. Diese freuen sich nicht nur über die satten Kursgewinne, zusätzlich werden ihnen in den kommenden Wochen rund 30 Milliarden Euro an Dividenden zufließen. Allein diese würden schon die Hälfte der diesjährigen Zinsverluste der Deutschen ausgleichen – wenn sie denn mehr in Aktien statt in Tagesgeld investieren würden. Dies tun sie jedoch nicht, obwohl sie offensichtlich sehr genau wissen, dass die Niedrigzinsphase noch lange anhalten wird.“ „Aber sie ziehen daraus eben keine Konsequenzen. (…) Aktien rangieren unter den Top-zehn-Anlagen der Deutschen auf dem letzten Rang, weit hinter Girokonto, Sparbuch, Bausparvertrag, Lebensversicherung oder Bargeld. All diese Anlageformen leiden jedoch unter den Minizinsen, während die Rallye am Aktienmarkt weitergeht. Daher dürften sich die Zinsverluste der Deutschen in den kommenden Jahren noch deutlich ausweiten.“

Das eine ist es, dass das eigene Geld ohne eigenes Zutun weniger wird. Etwa 30€ pro Kopf und pro Monat weniger. Das andere ist es, in Aktien zu investieren, um das Geld zu vermehren. Ist das Geldliebe? Oder wäre es vernünftig, in Aktien zu investieren? Aus der Perspektive des Geldes gesehen: Ja. Und aus der Perspektive des verantwortlichen Handelns? Dazu Peter Maurin: „Stock ownership is absentee ownership. Absentee ownership is property without responsibility.“ Als Aktienbesitzer ist man sozusagen Anteilseigner einer Firma und kann mit ihr Geld verdienen (oder verlieren). Aber es ist eine Beteiligung ohne Verantwortung. Denn wonach man schaut, ist lediglich dies: Dass man Gewinn macht.

Was steckt aber noch hinter diesen beiden Zeilen des Predigers? Erinnern wir uns an die Eifersucht: „Und ich sah all das Mühen und alle Tüchtigkeit bei der Arbeit, dass es Eifersucht des einen gegen den anderen ist.“ Solange Eifersucht einen zur Arbeit antreibt, solange nimmt einem die Vergleichbarkeit und Überschaubarkeit die Luft zum Atmen. Wer das Geld liebt, wünscht sich, jede Messbarkeit zu entgrenzen. Eine Entgrenzung des eigenen Erfolgs. Eine Entgrenzung hin zu einem unendlichen Freiheitsgefühl. Maßlosigkeit und Monumentalismus. Die Menschen haben das Gefühl für ihre Unendlichkeit und die Unendlichkeit Gottes, den Sinn für ihre Heiligkeit, für die Heiligkeit der Natur und die Heiligkeit Gottes verloren. Also geben sie sich einer Unendlichkeit hin, einer negativen. Einer Unendlichkeit, die lediglich die Verneinung von Grenzen ist. So sie denn können. Und sei es im Konsum.

Und es gibt sie. Jene, die es geschafft haben, ihren Reichtum zu entgrenzen. Und sie werden beneidet. Ein Neid, dessen Kehrtseite die Scham ist: „Über Geld spricht man nicht.“ Wenn man sich schon finanziell nicht entgrenzen kann, dann macht man eben ein Geheimnis daraus. Jedoch kein Geheimnis, das ein Rätsel wäre.

2.

Wenn das Gut sich mehrt, so mehren sich die, die davon zehren.

Und welchen Nutzen hat sein Besitzer, als dass seine Augen ansehen.“

Jäger und Sammler. So lautet der moderne Mythos. So begannen wir Menschen. So sind wir Menschen. Auf der Jagd nach Geld und Besitz. Jagen und Sammeln nur für sich selbst.

Aber es gelingt nicht, das Geld und den Besitz zu behalten. Da sind allein die Steuern, die zu hinterziehen als ein Kavaliersdelikt gilt. Dann Bittsteller, vielleicht falsche Freunde, windige Geschäftsleute, die Werbung, Versicherungen, Sicherheitsservice usw.

Was für ein Bruch mit dem Nutzen, der als Höchstes gilt! Welch Ironie, dass es keinen Nutzen hat, sich nur ansehen zu können, wie andere vom eigenen Gut zehren!

3.

Süß ist der Schlaf des Arbeiters, ob er wenig oder viel isst.

Aber der Überfluss des Reichen lässt ihn nicht Schlafen.“

Eine Frau erzählte mir einmal von ihrem Studentenjob. Sie war Nanny für die Tochter reicher Eltern. Großes, mehrstöckiges Haus mitten in einer Metropole. Türklinken, Wasserhähne aus Gold. Aber schiere Angst um das Kind. Keine öffentlichen Spielplätze, kein Kontakt zu anderen Kindern. Die unheimliche Furcht davor, das Mädchen könnte entführt werden, um dann Lösegeld zu erpressen. Ist es Angst um das Kind oder Sorge um das Geld?

4.

Reichtum, der von seinem Besitzer zu seinem Unglück aufbewahrt wird.

Und geht solcher Reichtum verloren und hat er einen Sohn gezeugt, so ist gar nichts in dessen Hand.“

Wie schnell kann einem das angesparte Geld durch die Finger rinnen? Plötzlich ist man die Arbeitsstelle los. Arbeitslos. Die Angst eines Vertrieblers, fast 50 Jahre, der entlassen wurde. Die Angst, sich von den Gütern trennen zu müssen, die er sich über die Jahre angehäuft hat. Weil das Jobcenter sonst nichts zahlt. Und die bisherige Suche nach einem Job verlief erfolglos. Nur noch 3 Monate, bis das Arbeitslosengeld I ausläuft…

5.

Ganz wie er gekommen ist, wird er hingehen.

Und was für einen Gewinn hat er davon, dass er für den Wind sich abmüht?“

Peter Maurin schreibt:

When a man dies and leaves a lot of money the papers say: He left so much.But they say: He left so much. Why did he leave so much? Well, he did not know enough to carry it with him when he died by giving it to the poor for Christ’s sake during his lifetime.”

Denn:

What we give to the poor for Christs sake is what we carry with us when we die. As Jean Jacques Rousseau says: When man dies he carries in his clutched hands only that which he has given away.

Prediger 4, 7 – 12 + 4, 17 – 5, 6: Kohelets profan-gläubige Vision von der Überwindung von Ungerechtigkeit

Die Unschuld des Schaffens, die Neutralität der Arbeit – sie gibt es nicht. Sie sind eine Illusion. Bekennt der Prediger. Mühen, Tüchtigkeit, Arbeit – man frönt ihnen, gibt sich ihnen hin. Aus Eifersucht gegenüber anderen. Wenn jede und jeder besser aussteigen will als alle anderen – eine Konkurrenzsituation, ein Wettkampf, in dem wir uns heute nicht weniger befinden (Bsp. Kampfpreise) – führt das zu Ungerechtigkeiten.

Und wenn du Einzelkämpfer bist? Nur für dich kämpfst – ohne Fremde und Familie, wofür du vor lauter Arbeit keine Zeit hast? So jemand wird sich immer abmühen. Und warum? Weil seine Augen „am Reichtum nicht satt“ werden. „Für wen mühe ich mich also und lasse meine Seele Gutes entbehren?“ Ein Leben nur für Arbeit und in Unersättlichkeit. Es ist „Nichtigkeit“. Und: „ein übles Geschäft“. Wegen der Ungerechtigkeiten.

In diese beklemmende Finsternis negativer Gedanken eröffnet der Prediger nun einen Lichtblick. Den Schwall pessimistischer Überlegungen und Schlussfolgerungen stoppt er nun. Er stellt eine alternative Vision von Arbeit und Gerechtigkeit vor.

Aber was ist seine Alternative? Auf Gott warten, dass er – früher oder später – für Gerechtigkeit sorgt? Das ist nicht die Antwort, die der Prediger wählt. Es scheint, sie entlaste – seiner Meinung nach – den Menschen von seiner Verantwortung. Denn wenn die Leidenden keine Tröster finden, keinen Trost, und die Ungerechten zufrieden sterben – dann hieße das: Die Leidenden haben zurecht gelitten, die Ungerechten hatten Recht. Gott sei mit ihnen. – – – Nein!

Der Prediger nimmt uns Menschen in Verantwortung.

Zunächst ganz profan. „Zwei sind besser dran als einer.“ Gemäß dem harmonischen Prinzip vom Einsatz und Ertrag: „Weil sie einen guten Lohn für ihre Mühe haben.“ Und worin besteht dieser Lohn? Sie können sich gegenseitig helfen, wenn einem ein Unglück widerfährt.

Denn wenn sie fallen, so richtet der eine seinen Gefährten auf. Wehe aber dem Einzelnen, der fällt, ohne dass ein Zweiter da ist, ihn aufzurichten!“

Sie können einander auf ihre Bedürfnisse eingehen.

Auch wenn zwei beieinander liegen, so wird ihnen warm. Dem Einzelnen aber, wie soll ihm warm werden?“

Und wenn sie angegriffen werden – können sie sich besser verteidigen.

Und wenn einer den Einzelnen überwältigt, so werden doch die zwei ihm widerstehen; und eine dreifache Schnur wird nicht so schnell zerrissen. “

Arbeit nicht mehr aus Eifersucht, sondern als Miteinander und Füreinander! Es ist nicht mehr aus Eifersucht, dass man gegeneinander arbeitet, und somit Ungerechtigkeiten produziert und in Kauf nimmt. Nun arbeitet man um des anderen willen. Ein Beispiel dafür ist die Personalentwicklung, die man in Unternehmen mehr und mehr einsetzt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden gefördert. In ihren Kenntnissen und Fähigkeiten. Natürlich, damit sie diese gewinnbringend für das Unternehmen einsetzen. Nun wissen Firmen aber auch: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen diese Förderung in einer für das Unternehmen schädlichen Weise aus. Entweder, weil sie so viel Maßnahmen in Anspruch nehmen, und damit anderen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit nehmen, selbst eine solche zu genießen. Oder weil sich vom Unternehmen fortbilden lassen, um es bald darauf zu verlassen und bei der Konkurrenz anheuern. Dahinter steckt natürlich der Gedanke, für sich selbst den größtmöglichen Vorteil herauszuholen – gegenüber allen anderen und auf deren Kosten. Wie sähe hingegen ein Miteinander und Füreinander aus? Ein Miteinander und Füreinander nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in Zeiten der Not.

Und spielt Gott für den Prediger eine Rolle? Wenn ja, welche? Laut der diskutierten theologischen Sichtweise würde Gott für Gerechtigkeit sorgen. Gott bügelt den Mist der Menschen aus. So die Erwartung. – – – Falsch!

Die Deals, die (wir) Menschen mit Gott machen, sind bekannt. Lieben wir nicht dieses fiktive Gedankenspiel: Also wenn Gott mir Reichtum geben würde, ich würde es für die Armen einsetzen. Damit haben Menschen aber auch schon ernst gemacht: Wenn du mir dieses oder jenes gibst, tue ich dies oder das. Was aber wenn du „reich“ wirst, und es deshalb Arme gibt? Was wenn Geld und Erfolg den Charakter (tatsächlich) verderben? – Wie sehr sind wir bereit, Einsatz zu zeigen, wenn es um Erfolg, geradezu aussichtslosen Erfolg geht? Aber wie wenig Mut und Kraft haben wir – wie es Peter Maurin erkennt –, arm zu werden um der anderen willen?

Wie beschreibt das der Prediger?

Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Haus Gottes gehst. Und: Herantreten, um zu hören, ist besser, als wenn die Toren Schlachtopfer geben.“ Dafür ist übrigens Jesus ein Vorbild. War er reich? Hatte er politische oder institutionelle oder gesellschaftliche Macht? Nein. Ist bekannt, dass er opferte? Nein. Stattdessen: Er betete und hörte auf Gott. Er tat, was er Gott tun sah.

Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden; darum lass deiner Worte wenig sein. Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume, und wo viel Worte sind, da hört man den Toren. Wenn du Gott ein Gelübde tust, so zögere nicht, es zu halten; denn er hat kein Gefallen an den Toren; was du gelobst, das halte. Es ist besser, du gelobst nichts, als dass du nicht hältst, was du gelobst. Lass nicht zu, dass dein Mund dich in Schuld bringe, und sprich vor dem Boten Gottes nicht: Es war ein Versehen. Gott könnte zürnen über deine Worte und verderben das Werk deiner Hände. Wo viel Träume sind, da ist Eitelkeit und viel Gerede; darum fürchte Gott!“

Gebete sollen überlegt sein. Gebete sollen minimalistisch sein. In unseren Gebeten soll sich Genügsamkeit ausdrücken. Was schwer genug ist! Häufig artikulieren wir doch eher unsere Unersättlichkeit, in dem Glaube, dies sei unser täglich Brot. Warum nicht beten „Hilf mir, arm zu sein“, „Hilf mir, großzügig und spendabel zu sein“, „Hilf mir, aus meiner Komfortzone auszubrechen“?

Und wenn wir Gott etwas versprechen, mit ihm einen Deal aushandeln, dann sollen wir uns daran halten. Das ist schwer! Nicht nur, weil wir vergesslich sind – und viel reden, wenn der Tag lang ist. Also gar nicht mehr wissen, was wir gebetet haben.

Schließlich sollen wir Gott nicht wegen unserer Niedrigkeit und Erbärmlichkeit fürchten, sondern weil wir in Verantwortung stehen. Und mit unserer Verantwortung können wir nicht leichtfertig umgehen.

Das ist die Vision des Prediger: Miteinander, Füreinander, auf Gott hören und Eigenverantwortung.

Prediger 4, 1 – 6 + 4, 13 – 16: Kohelets Kritik an der überlieferten Antwort auf Ungerechtigkeit

Gottesgläubige sollen so genügsam sein, und akzeptieren, dass auch ihnen – wenigstens zwischenzeitlich – Ungerechtigkeit widerfahren kann. Diese Genügsamkeit beinhaltet einerseits, dass man letztlich das eigene Unglück für weniger wichtig einordnet und weniger sachlich gewichtet als die Tatsache, dass wir Menschen nicht mehr wert sind als Vieh. Denn wir sollen Gott fürchten, ihn der alles wohl geordnet hat, ihn dessen Willen wir tun sollen. Andererseits beinhaltet diese Genügsamkeit, ein beschaulich überschaubares Leben zu genießen. Fragen der Ungerechtigkeit werden sich schon von selbst klären. Und was das Leben nach dem Tod betrifft – darüber können wir eh nix wissen. – Mit dieser Sichtweise ist der Prediger überhaupt nicht zufrieden.

Erstens. Ihm vergeht jeglicher Gedanke an Freude und jegliches Streben nach Genuss angesichts der „Unterdrückungen, die unter der Sonne geschehen.“ Es ist für ihn zutiefst empörend und erschütternd, dass „da waren Tränen der Unterdrückten, und sie hatten keinen Tröster; und von der Hand ihrer Unterdrücker ging Gewalttat aus, und sie hatten keinen Tröster.“ Unrecht zu erleiden hält der Prediger für eine abgründige seelische Belastung. So abgründig und belastend, dass es weder tröstend ist noch einsichtig erscheint, eine gottesfürchtige Haltung einzunehmen, weil man sich mit Ungerechtigkeit konfrontiert sieht. Ungerechtfertigtem Leid ausgesetzt zu sein – aus der Perspektive des vorgestellten Glaubens könne man daraus keine Empörung ableiten, vielmehr ist es Phänomen, das die eigene Position gegenüber Gott zum Ausdruck bringt. Gott hat alles wohl geordnet. Und es ist gut. Wir Menschen sind dazu aufgefordert, Gott zu fürchten. Wie es uns also Angst macht, dass wir mit Ungerechtigkeit konfrontiert werden könnten bzw. wie wir Angst haben vor dem Leben, wenn uns Unrecht widerfährt, so sollen wir Angst haben vor Gott – und uns nicht für zu groß und wichtig halten. Wir sind endlich wie die Tiere, wir sterben wie die Tiere, wir wissen nicht mehr über die Zeit nach unserem Ableben als die Tiere. Man unterwirft sich seinem Schicksal. Eine Unterwerfung, die der Prediger – wenigstens in diesem Zusammenhang – nicht akzeptiert. Vielmehr zieht er aus seiner großen Empörung ein zutiefst pessimistisches Fazit: „Da pries ich die Toten, die längst gestorben sind, mehr als die Lebenden, die jetzt noch leben. Und glücklicher als sie beide pries ich den, der noch nicht gewesen ist, der das böse Tun nicht gesehen hat, das unter der Sonne geschieht.“ Der Boshaftigkeit übler Menschen ausgesetzt zu sein entwertet das eigene Leben und das menschliche Leben derart, dass es eigentlich besser ist, dass es keine Menschen gäbe; dass es besser gewesen wäre, es hätte nie Menschen gegeben. Die seelische Belastung, mit Unrecht konfrontiert zu sein, ist für den Prediger keine temporäre, vergängliche Geschichte, kein schlechtes Gefühl, das man bagatellisieren könne, weil es sich sowieso bald wieder legt. Vorausgesetzt, man glaubt an Gott. Die Hoffnung also, Gott wird es einem wieder gewähren und gerechterweise zukommen lassen, dass man sein Leben in beschaulich überschaubarer Weise leben kann.

Zweitens. Die Rede von den Werken der Arbeit, die Rede vom Schaffen, entsprechend die Rede vom Genießen der Früchte des eigenen Werkes – der Prediger hält sie nicht für so unverfänglich und unschuldig, wie sie sich gebärdet. „Und ich sah all das Mühen und alle Tüchtigkeit bei der Arbeit, dass es Eifersucht des einen gegen den anderen ist.“ Eine Äußerung, die man nur schwer für sich akzeptieren mag. Es ist aber ein persönliches Bekenntnis, das eines unserer Geheimnisse ausplaudert.

Drittens. Selbst ein herausragendes Beispiel für ausgleichende Gerechtigkeit wird von späteren Generationen weder geschätzt noch erinnert. Ein in Armut geborener junger Mann wird von einem alten und törichten König ins Gefängnis geworfen. Der junge Mann hingegen ist weise. Er kommt aus dem Gefängnis heraus, um dann selbst König zu werden. Ein weiser König. Der Prediger ist hiervon ein Zeitzeuge. Er erlebte mit dem restlichen Volk diesen jungen Mann als König. Und die nächste Generation? Sie werden sich nicht über ihn freuen. Das heißt, obwohl sie ein herausragendes Beispiel für den Triumph der Gerechtigkeit und den Niedergang von Ungerechtigkeit haben – sie werden daraus weder lernen noch davon profitieren. Auch für sie wird es sich wiederholen: „Da waren Tränen der Unterdrückten, und sie hatten keinen Tröster; und von der Hand ihrer Unterdrücker ging Gewalttat aus, und sie hatten keinen Tröster.“

Bei dieser Kritik bleibt Kohelet nicht stehen. Er wird eine alternative Vision vorstellen.

Prediger 3, 16 – 22: Die überlieferte fromme Antwort auf Ungerechtigkeit: Diesseitige Kompensation und Gottesfurcht aus Niedrigkeit

Zuletzt ließ der Prediger Gedanken auf sich wirken, die einem bestimmten Gottesglauben entspringen. Aufgrund von Einsicht verzweifeln und das eigene Lebenswerk zugrunde gehen sehen – beides sei ein Zeichen dafür, dass der oder die Betreffende in Sünde lebt. Was sofort die Frage aufwirft, weshalb dann auch tief gläubigen Menschen, die ihr Leben nach dem Wort und Willen Gottes ausrichten, Ungerechtigkeiten widerfahren. Und tatsächlich kommt auch dem Prediger diese Anfrage ohne Umschweife in den Sinn. Einer Antwort nähert er sich zuerst aus dem bereits erwähnten Gottesglauben heraus. Hier wird nichts beschönigt. Er bejaht und bekräftigt das Problem der Übel. Dort, wo Gerechtigkeit herrschen sollte, trifft man das genaue Gegenteil an: Ungerechtigkeit.

Und ferner sah ich unter der Sonne: An dem Ort des Rechts, dort war die Ungerechtigkeit, und an dem Ort der Gerechtigkeit, dort war die Ungerechtigkeit.“

Der Prediger hat sicherlich vorwiegend den Tempel und den Palast im Sinn, sowie die lokalen Gerichte. Stellvertretend stehen sie für das gesellschaftliche Leben. Sie sind ja lediglich Orte, an denen Gesetze erlassen und Gesetzesbrüche bestraft werden. Es sind Orte, von denen aus eine gerechte gesellschaftliche Ordnung angeleitet werden soll. Dazu gehört zum Beispiel die Arbeit. Arbeit als ein Ort der Gerechtigkeit. Auch gläubige Menschen werden auf Arbeit zum Opfer von Vorgesetzten. Es gibt Branchen, die dafür bekannt sind, dass da das Arbeitsrecht mit Füßen getreten wird. Discounter, Mode, Bau, Zahntechnik. Zermalmt werden dort häufig die Schwächsten der Gesellschaft. Welche Auszubildende weiß schon im Detail über ihre Rechte Bescheid? Und falls sie sich doch gegen die Rechtsbrüche vom Ausbildungsbetrieb wehrt: Die Angst, die Ausbildungsstelle zu verlieren und keine mehr zu bekommen, und damit vor einer ungewissen Zukunft der Arbeitslosigkeit zu sehen, ist enorm. Gleiches trifft den Langzeitarbeitslosen, der eine Lagertätigkeit in einem Modeunternehmen oder einem Discounter erhält – und dort erniedrigenden und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen unterworfen wird. Gegen die er sich aber nicht wehrt, weil er endlich aus der elenden Arbeitslosigkeit raus will. Sozusagen, lieber scheiß Arbeit als keine Arbeit. Getrieben von der öffentlichen Meinung, dass wer Arbeit sucht, auch welche findet; lange Arbeitslosigkeit also selbst ausschließlich verschuldet ist. Derartiges trifft man bei uns an! Und anderswo in der Welt? Irgendwo hat irgendwer – ich weiß nicht mehr wo und wer – gesagt, es wäre naiv zu glauben, man könne in Asien kontrollieren, wie mit den Arbeiterinnen und Arbeitern umgegangen wird.

Deshalb stellt sich für gläubige Menschen die Frage: Wie sollen wir darauf reagieren? Was glauben wir, passiert mit jenen frommen Menschen, denen Ungerechtigkeit widerfährt, und jenen, die für Ungerechtigkeit sorgen?

Womöglich hoffen wir, dass sich das Unglück der Leidenden irgendwann in ihrem Leben umso mehr zum Guten wendet. Und wir empfinden es eventuell als Genugtuung, wenn dem Übeltäter oder der Übeltäterin die Grausamkeit heimgezahlt wird. Aber sind wir für solche Spekulationen und Gefühle nicht viel zu sehr Pessimisten, sprich: Realisten? Wir glauben doch nicht wirklich, dass sich das so ereignen wird. Jedenfalls nicht in diesem Leben. Und dennoch, der Prediger erwägt genau diesen Gedanken – mit seinem Blick auf Gott gerichtet. Am Ort des Rechts und der Gerechtigkeit mag zwar augenscheinlich Ungerechtigkeit triumphieren und eine Gesellschaft somit aus dem Gleichgewicht geraten sein und sich in Disharmonie befinden. Doch das ist nur vorübergehend. Hintergründig herrscht Gott. Er hat es so eingerichtet, dass den Übeltätern ihre Ungerechtigkeit irgendwann heimgezahlt wird. Gott hat alles so geordnet, dass den Leidenden ihr Leid früher oder später – auf jeden Fall in diesem Leben – ausgeglichen wird.

Ich sprach in meinem Herzen: Gott wird den Gerechten und den Ungerechten8 richten, denn es gibt eine Zeit dort für jedes Vorhaben und für jedes Werk.“

Natürlich stellt sich nun – gleichermaßen zwangsläufig – eine weitere Frage: Gesetzt den Fall, Gott hat es wirklich so eingerichtet, wie denn dies? Seinen Blick immer noch auf Gott gerichtet, antwortet der Prediger: Gott prüft die Menschen auf diese Weise. Aber prüfen woraufhin? Ja, sie sollen einsehen, dass sie „nichts als Vieh sind“. Harter Tobak ist das! Aber stimmt es nicht – um so mehr, als das darwinistische Evolutionverständnis von der Entstehung des Lebens mehr und mehr Common sense wird: „Denn das Geschick der Menschenkinder und das Geschick des Viehs – sie haben ja ein und dasselbe Geschick – ist dies: wie diese sterben, so stirbt jenes, und einen Odem haben sie alle. Und einen Vorzug des Menschen vor dem Vieh gibt es nicht, denn alles ist Nichtigkeit. Alles geht an einen Ort. Alles ist aus dem Staub geworden, und alles kehrt zum Staub zurück“?

Auf diese Weise schiebt Kohelet den Riegel vor eine zweite Möglichkeit, wie man mit dem Problem ungesühnter Ungerechtigkeit und Leidender, die keinen Trost erfahren, umgehen kann. Die zweite Option wäre die, dass die Übeltäter in der Hölle schmoren und die Unterdrückten im Himmel Gottes Trost und ewige Freude finden werden. Diese Vorstellung blockt der Prediger ab. Die Menschen wissen nicht, was nach dem Tod kommt. Und niemand kann ihnen hierüber Wissen vermitteln: „Wer kennt den Odem der Menschenkinder, ob er nach oben steigt, und den Odem des Viehs, ob er nach unten zur Erde hinabfährt? Denn wer wird ihn dahin bringen, hineinzusehen in das, was nach ihm sein wird?“

Der Einsicht in die Zeit nach seinem Ableben beschränkt, was bleibt dem Menschen schließlich übrig zu tun? Erneut lautet die Antwort: „Und ich sah, dass es nichts Besseres gibt, als dass der Mensch sich freut an seinen Werken; denn das ist sein Teil.“

Wiederholt landet der Prediger unter dem Blickwinkel eines bestimmten Gottesglaubens bei einer optimistischen Sichtweise, die sich in einem beschaulich überschaubaren Leben gemütlich einrichtet. Ein Ergebnis, das er nicht unkommentiert stehen lässt. Eine Resultat, dem er etwas entgegenzusetzen weiß.

Präsentiert: Cindy Brandt: „All I Want for Christmas Is Uncertainty“

Habe ich schon erwähnt, dass der Busbahnhof früher mal ein Kinosaal war? Der Bus, der mich nach Coerzi bringen sollte, zu Alice, fuhr langsam dort los.

Langsam… als fiele es ihm schwer, sich von dem zähen Gemisch alter Geschichten, die in der Luft lagen, loszureißen.

Als fehlten dem Bus, dachte ich, die nötigen Kräfte oder der Mut, sich auf die Straße zu werfen, um seine eigene Geschichte zu leben, frisch und unverbraucht. Frisch, und ohne altbekannten Schluss.

Ich dagegen – so sagte ich mir – fühle mich heute sehr stark, und ich bin unterwegs. Ich habe den Mut und die Energie, die man braucht, um schließlich… um Hilfe zu bitten.

Zentner/Mattotti: Der Klang des Rauhreifs, S. 67f

Die Idee dieses Blogs ist es, dem Bild von Jesus gerecht zu werden, dass wiedergeboren zu leben bedeutet, sich von Tradition gewissermaßen zu befreien und Erwartungen nicht um jeden Preis zu bestätigen.

Ich möchte daher in Dialog treten mit Positionen, die zunächst einmal fern von evangelikalen Positionen zu sein scheinen, die aber von Evangelikalen diskutiert werden. Von Evangelikalen, die (wie ich meine) versuchen, Anschluss an jene Markierungspunkte des Evangelikalismus zu finden, wie sie Stanley J. Grenz in Renewing the Center. Evangelical Theology in a Post-Theological Era (mit Bezug auf David Bebbington) nennt: Fokus auf Bekehrung, Aktivismus, Biblizismus und das Kreuz als Zentrum.

Um Weihnachten herum las ich einen Blogbeitrag von Cindy Brandt mit dem Titel „All I Want for Christmas Is Uncertainty“. An vielen Punkten sprach sie mir da aus dem Herzen.

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Für Evangelikale ist es ein markantes – und ich meine, durchaus zu schätzendes – Kennzeichen, das sie von vielen anderen Christen und Menschen abhebt: Sie lesen die Bibel, um Antworten auf ihre Lebensfragen, ihre Lebensführung, ihre Lebenswelt zu finden. Was ist jetzt hilfreich? Was ist jetzt zu tun? Häufig habe ich es dennoch als eine rastlose, oberflächliche, fragenlose, selbstgewisse Art und Weise erlebt, die Bibel zu lesen, Texte, die 2000 Jahre und älter sind. Immer auf der Suche nach der Bestätigung des Status quo, immer als Bekräftigung der eigenen Selbstkontrolle, immer als Wiederholung und Erläuterung und Ausbau der eigenen Theologie.

Wer aber immer nur unmittelbar auf Selbstbestätigung und aufs Handeln ausgerichtet ist, wird sich nicht reflektieren können. Es heißt, die Philosophie sei entstanden, weil die Menschen ausreichend Zeit hatten, nach der Arbeit nachzudenken. Selbes sollte für theologisches Denken in unseren Breitengraden gelten. Wenn wir die Zeit haben, nachzudenken, dann sollten wir sie auch nutzen. Und das beginnt damit, Fragen zu stellen. Mit Fragen drückeich mein Unwissen aus, belkräftige ich die Tatsache: Es gibt (für mich) Unbekanntes, Geheimnisvolles.

We are most inspired by the unknown.“

Mystery invites participation, not for the sake of removing what is unknown, but to ignite a passion for learning beyond what is certain and be changed through the process.“

Inspiriert sind wir durch das Unbekannte dann, wenn wir ehrliche Fragen stellen, auf deren Antworten wir hören – und sei es ein Schweigen.

Nicht nur, dass wir uns durch Fragen zurückhaltend dem Anderen, dem Fremden, dem Neuen als dem Ganz Anderen, dem Völlig Fremden, dem Total Neuen nähern, wir öffnen uns auch dafür. Wir öffnen uns dafür, heißt:

Wir bemühen uns, zu verstehen.

Wir lassen uns herausfordern.

Wir lernen davon.

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Zurecht fragt sich sich Cindy Brandt daher:

Why is it then, we insist on equating our Christian faith to certainty? We sing about a Blessed Assurance and hold intensive meetings to discuss the essentials of faith. We share testimonies of God stories to shelve any doubts of God’s existence. We preach the same sermons, pray the same prayers, tell the same stories, week after week to convince ourselves it all is still true.“

Is this what our Christianity has been reduced to, more of the same? I am sorry, but I simply cannot muster up anymore enthusiasm for such a formulaic faith; it’s like taking elementary classes all over again. I already know that two plus two equals four.“

If I know exactly how the characters of a story are going to end up (repented, reconciled, redeemed), then I cannot feel invested in the journey. These are pre-programmed characters — propaganda puppets.“

Inwieweit haben wir Christen unsere Sprache in stabile Bilder (Blut, Kreuz, König, Heiland, Herr, heilig usw.) verwandelt. Inwiefern gleicht unser christlicher Jargon einer in Eis gebetteten Welt? Eine Welt, in der wir nur noch rutschen und nicht mehr gehen. Eine Welt, durch die wir gleiten, anstatt sie uns unter Mühen zu erwandern und zu erklettern.

Wie häufig sind die Zeugnisse und Erlebnisse, von denen ich höre, nicht nur bereits mit dem ersten Satz fertig erzählt: Ich weiß, wie das Ende ausgesehen haben wird. Mehr noch: Wie sehr verlangen diese Erzählungen von mir, dass ich Beispiele aus meinem Leben liefere, die diese bestätigen. Aber was ist, wenn ich nicht nur kein Beispiel zu liefern habe, sondern meine Beispiele jenen sogar entgegenlaufen? Und wie kann ich mein Beispiel erzählen, ohne dass ich andere dränge, dass sie es genauso erleben müssen? Wie kann ich dennoch mein Beispiel so erzählen, dass ich andere herausfordere? (Denn mein Leben ist ein Beispiel für das Leben aller – wie umgekehrt das Leben der anderen ein Beispiel für mich ist.) Und wie kann ich verhindern, dass ich mich selbst inszeniere?

Nehmen wir das Beispiel Leid:

I am longing for the gift of uncertainty, a type of profound mystery that welcomes questions, a faith that requires a leap of faith to sustain. I don’t want to be told the answers to life’s pain. I want to live through the darkness and grope for God’s Holy Hand.“

And I want to keep searching for God, even when I’m not sure God exists.“

Ich war vor längerer Zeit auf einem Friedhof. Es war Winter. Von weitem sah ich plötzlich irgendwas Buntes. Ich konnte es nicht erkennen. Das machte mich neugierig. Ich ging dorthin. Ich kam näher. Ich konnte es nicht erkennen. Was ist das? Ich kam näher. Noch immer war es für mich nicht erkenntlich, was ich da sehe. Dann begann es in mir zu dämmern: Hat das was mit Kindern zu tun? Ich trat heran und ich sah: Ja, es ist eine Stelle, an der vielleicht um die hundert bunt bemalte Steinchen liegen, Fähnchen, Spielzeug, Windräder. Ich sah auf die bunten Steinchen: Darauf stehen Namen. Und Daten. Zwischen dem Datum hinter dem Sternchen und dem Datum hinter dem Kreuz liegen vielleicht zwei Tage, oder drei. Manchmal auch nur eine Datumsangabe. Ein Friedhof für Babys, die kaum nach der Geburt gestorben sind, die bei der Geburt gestorben sind.

Es überkam mich eine Leere. Geschichten, von denen ich gelesen habe. Beziehungen, die auseinander brechen. Familien, die kaputt gehen. Depressionen, von denen die Eltern übermannt werden. Vielleicht sogar Zweifel an Gott.

Ich teilte diese Erfahrung mit Freundinnen. Von einer bekam ich zu hören: Aber mit Gottes Hilfe kann die Beziehung der Eltern gerettet und geheilt werden. Mit Gottes Hilfe können die Eltern über den Schmerz hinwegkommen. Ein Beispiel hatte sie sofort parat. Von Christen, die genau das erlebt haben. Das erschreckte mich irgendwie und machte mich auch etwas wütend.

Denn ich erinnere mich an die Stille an diesem Nachmittag. Als ich alleine in diesem Friedhof war. Allein vor all diesen bunten Steinchen, Fähnchen, Windrädern, Spielzeugen. Diese Stille und diese Leere in mir.

Denn ich finde es irgendwie ein bisschen symptomatisch. Warum sind Christen manchmal so ungeduldig, hastig? Warum fällt es Christen so schwer Pause zu machen? Warum haben sie so häufig ein Beispiel, eine Antwort, eine Lösung parat? Warum haben sie kein Gespür für Gottes Schweigen? Für das Schweigen der Freunde Hiobs – die auch besser für immer geschwiegen hätten. Denn am Ende zogen sie sich mit ihren Worten nicht nur die Wut Hiobs, sondern auch den Zorn Gottes zu.

Und ja, Hiob bekam am Ende alles doppelt zurück. Ist das zynisch? Eine andere Freundin von mir meinte in dem Zusammenhang: Mit dem Verlust ist nicht Schluss. Das Leben geht weiter. Das fand ich irgendwie gut. Denn es stellt sich auch die Frage: Wie?

Einführung der Gurtpflicht in Schweden als Analogie

Als Analogie unserer Billigkeit, meines Stolzes, unseres Stumpfsinns tauglich? Wie die Schweden begannen, der eingeführten Gurtpflicht nachzugehen.

Geld wurde in Hand genommen. Für Werbung. Den Gurt anzulegen wurde beworben, schmackhaft gemacht. Mit dem Nachweis hilfreicher Nützlichkeiten, sogar lebensrettender Nützlichkeiten. Unkosten für den Wind. Denn die Werbung stieß auf mehrheitlich faule Hände. Wenngleich nicht taube Ohren …

Auch wenn sich niemand gesetzestreu angurtete, so konnten die Schweden die erwähnten Nützlichkeiten zu einem späteren Zeitpunkt nennen. Mehr als nennen.

Doch zuvor erließ die schwedische Regierung einen Katalog mit empfindlichen Strafen und der entsprechenden Kontrolle. Mit vehementem Erfolg. Nun gurteten sich nahezu alle an.

Dann die Umfragen. Aus welchem Grund sie sich angurten? Dies ist der erwähnte spätere Zeitpunkt. Ganz vergessen der eigentliche Antrieb, sich anzuschnallen. Ganz präsent hingegen die Werbeargumente.

Es heißt von manchen Psychologen: Menschen werden durch Emotionen überzeugt. In dem Fall durch Gefühle der Angst und des Geizes. Erst im Nachhinein kommen die Argumente zum Tragen. Damit wir uns besser fühlen. Finde ich mich darin wieder? Finden wir uns in unserem Verhalten darin wieder? Findet sich unsere Theologie darin wieder?

zweifeln und glauben

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.

Chinesisches Sprichwort

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Gott, unser Vater, ist auch unser Arzt.

Wie unheimlich ist es daher, wenn Menschen ihren Glauben verwerfen, um gesund zu werden!

Oder wie es Tobias Faix in einem beachtlichen Interview mit jesus.de formuliert:

„Und dann kommt die Dekonversion, weil das wie eine Art Therapie wirkt. Für manche war die Dekonversion tatsächlich der Schlüssel um überhaupt weiterzuleben.“

Eine Erfahrung, die mir teilweise vertraut ist. Wenngleich ich diesen Schritt eben nie gemacht habe. Trost fand ich dennoch zunächst abseits meines bekannten christlichen Lebens: In der Kunst und in einer Lebensführung, fern jeglicher Spiritualität. Etwas, das ich auch in meinem Freundeskreis erlebt habe. Freunde, die dann sogar weiter gingen. So weit gingen, wie soeben zitiert.

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Worum geht es? Um Zweifel. Darum, dass der vertraute Glaube nicht mehr passen will zu neuen, unleugbaren Erfahrungen.

Wie bin als ich Jugendlicher damit umgegangen und habe es von Freunden, Pastoren oder Theologen gehört.

Ich habe Zweifel einfach verworfen. Anfragen schlichtweg ignoriert.

Ich wurde auf die Bibel eingeschworen.

Oder spitzfindiger: Dass ich das, was ich bezweifle, irgendwie ja auch bejahe. Dass ich Voraussetzungen habe. Und dass der Glaube nichts anderes ist: Die Anerkennung bestimmter Voraussetzungen.

Mir wurde gesagt: „Ja, Gott achtet den zweifelnden Menschen. Aber vertraue ihm. Hab Vertrauen in die Beziehung, die du mit ihm hast.“

Alles in allem: Zweifel wurde von mir und von den anderen als vorübergehende Verwirrung angesehen. Worum es geht, ist die Zeit. Den Zweifel sozusagen aussitzen. Ihn auf lange Sicht hin gesehen… einfach vergessen.

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Nicht nur, dass manches davon eine Lüge ist.

Es funktionierte nicht und funktioniert so nicht.

Warum?

Es mag unbegründete Zweifel geben, ja. Dennoch gibt es Gründe für meinen Zweifel, die sind an mein Dasein, an meine Existenz, an meine Echtheit, an mein Leben gebunden.

Ignoriere ich sie, so ignoriere ich alles, was mir in mir lebendig und originell ist. So ignoriere ich alles, was lebendig und originell ist.

Ich klammere mich an Phrasen, an Gedankengebäude, an Zitate, an meine Torheit.

Oder wie es der evangelikale Theologe Gregory A. Boyd in seinem Buch Benefit of the Doubt auf den Punkt bringt: Es ist lediglich emotionale Sicherheit.

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Hiob ätzte nicht nur gegen seine Freunde, deren Gottesbild er bis zu seinem elenden Schicksal teilte. Er schimpfte auf Gott und gegen ihn. Dass er absichtlich quäle, und die Folter auch noch genüsslich verlängert.

Der Ausgang für Hiob: Er lernt Gott ganz anders kennen.

„Ich kannte dich nur vom Hörensagen. Jetzt habe ich dich erlebt.“

Jetzt glaubt er. Nun ist er weise. Er liebt.

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Was Tobias Faix, Martin Hofmann und Tobias Klunker aufzeigen: In unseren Gemeinden würden bestimmte Vorstellungen darüber herrschen, was man zu glauben, zu denken und zu tun hat. Konformität. Äußert jemand Fragen und Zweifel, dann ist sie oder er getrennt von der Gemeinschaft mit den anderen. Sie oder er ist auf sich alleine gestellt.

Was ist das Problem?

Das Problem ist, in unseren Gemeinden herrscht ein Mangel an Ansprechbarkeit, ein Mangel daran, sich verständlich machen zu wollen, zu dürfen und zu können. Und ein Mangel an Originalität.

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Was heißt das, ansprechbar zu sein und sich verständlich zu machen?

Fremdem, Neuem, Anderem gegenüber taub, schweigsam und ignorant zu sein, ist ein Zeichen dafür, sich nicht korrigieren lassen zu wollen. Es ist Angst. Es ist Stolz. Beides geschieht aus Mangel an Liebe. Aus Mangel an Liebe zu Gott, zu anderen und zu sich selbst.

Sich von Fremdem, Neuem, Anderem, das einem begegnet und widerfährt, das einen anspricht und interessiert, sich davon herausfordern lassen. Das heißt es, ansprechbar zu sein und sich diesem verständlich zu machen.

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Was heißt es, originell zu sein?

Ich glaube, dass Gott es schätzt, wenn wir Verantwortung übernehmen. Verantwortung für uns und unser Leben.

Ich glaube, dass Gott es respektiert, wenn wir ehrlich sind

Mit dem unbedingten Streben danach, anders sein zu wollen, sich von anderen zu unterscheiden oder Neuem hinterherzurennen – damit hat Originalität nichts zu tun.

Auf jeden Fall finde ich es schade, vor allem aber traurig für unsere Gemeinden, dass manche Menschen keinen anderen Ausweg zu sehen scheinen, um Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und ehrlich zu sein, außer diesen Ausweg: ihren Glauben aufzugeben. „Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“

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Zweifel darf also nicht ausschließlich als vorübergehende Verwirrung angesehen und behandelt werden.

Zu zweifeln heißt ansprechbar zu sein und fähig, sich verständlich machen zu können.

Zu zweifeln heißt offen zu sein für Korrektur, Veränderung und Weisheit, die in Liebe gründet. So schreibt es auch Timothy King, Chief Strategic Officer der evangelikalen Organisation Sojourners:

Without truly doubting and opening yourself to the possibility that even many of your most deeply held tenets of faith could be wrong or inadequate, questioning will remain a mental exercise that does not reach its potential for personal transformation.“

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Transformation. Veränderung.

Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“