Prediger 4, 7 – 12 + 4, 17 – 5, 6: Kohelets profan-gläubige Vision von der Überwindung von Ungerechtigkeit

Die Unschuld des Schaffens, die Neutralität der Arbeit – sie gibt es nicht. Sie sind eine Illusion. Bekennt der Prediger. Mühen, Tüchtigkeit, Arbeit – man frönt ihnen, gibt sich ihnen hin. Aus Eifersucht gegenüber anderen. Wenn jede und jeder besser aussteigen will als alle anderen – eine Konkurrenzsituation, ein Wettkampf, in dem wir uns heute nicht weniger befinden (Bsp. Kampfpreise) – führt das zu Ungerechtigkeiten.

Und wenn du Einzelkämpfer bist? Nur für dich kämpfst – ohne Fremde und Familie, wofür du vor lauter Arbeit keine Zeit hast? So jemand wird sich immer abmühen. Und warum? Weil seine Augen „am Reichtum nicht satt“ werden. „Für wen mühe ich mich also und lasse meine Seele Gutes entbehren?“ Ein Leben nur für Arbeit und in Unersättlichkeit. Es ist „Nichtigkeit“. Und: „ein übles Geschäft“. Wegen der Ungerechtigkeiten.

In diese beklemmende Finsternis negativer Gedanken eröffnet der Prediger nun einen Lichtblick. Den Schwall pessimistischer Überlegungen und Schlussfolgerungen stoppt er nun. Er stellt eine alternative Vision von Arbeit und Gerechtigkeit vor.

Aber was ist seine Alternative? Auf Gott warten, dass er – früher oder später – für Gerechtigkeit sorgt? Das ist nicht die Antwort, die der Prediger wählt. Es scheint, sie entlaste – seiner Meinung nach – den Menschen von seiner Verantwortung. Denn wenn die Leidenden keine Tröster finden, keinen Trost, und die Ungerechten zufrieden sterben – dann hieße das: Die Leidenden haben zurecht gelitten, die Ungerechten hatten Recht. Gott sei mit ihnen. – – – Nein!

Der Prediger nimmt uns Menschen in Verantwortung.

Zunächst ganz profan. „Zwei sind besser dran als einer.“ Gemäß dem harmonischen Prinzip vom Einsatz und Ertrag: „Weil sie einen guten Lohn für ihre Mühe haben.“ Und worin besteht dieser Lohn? Sie können sich gegenseitig helfen, wenn einem ein Unglück widerfährt.

Denn wenn sie fallen, so richtet der eine seinen Gefährten auf. Wehe aber dem Einzelnen, der fällt, ohne dass ein Zweiter da ist, ihn aufzurichten!“

Sie können einander auf ihre Bedürfnisse eingehen.

Auch wenn zwei beieinander liegen, so wird ihnen warm. Dem Einzelnen aber, wie soll ihm warm werden?“

Und wenn sie angegriffen werden – können sie sich besser verteidigen.

Und wenn einer den Einzelnen überwältigt, so werden doch die zwei ihm widerstehen; und eine dreifache Schnur wird nicht so schnell zerrissen. “

Arbeit nicht mehr aus Eifersucht, sondern als Miteinander und Füreinander! Es ist nicht mehr aus Eifersucht, dass man gegeneinander arbeitet, und somit Ungerechtigkeiten produziert und in Kauf nimmt. Nun arbeitet man um des anderen willen. Ein Beispiel dafür ist die Personalentwicklung, die man in Unternehmen mehr und mehr einsetzt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden gefördert. In ihren Kenntnissen und Fähigkeiten. Natürlich, damit sie diese gewinnbringend für das Unternehmen einsetzen. Nun wissen Firmen aber auch: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen diese Förderung in einer für das Unternehmen schädlichen Weise aus. Entweder, weil sie so viel Maßnahmen in Anspruch nehmen, und damit anderen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit nehmen, selbst eine solche zu genießen. Oder weil sich vom Unternehmen fortbilden lassen, um es bald darauf zu verlassen und bei der Konkurrenz anheuern. Dahinter steckt natürlich der Gedanke, für sich selbst den größtmöglichen Vorteil herauszuholen – gegenüber allen anderen und auf deren Kosten. Wie sähe hingegen ein Miteinander und Füreinander aus? Ein Miteinander und Füreinander nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in Zeiten der Not.

Und spielt Gott für den Prediger eine Rolle? Wenn ja, welche? Laut der diskutierten theologischen Sichtweise würde Gott für Gerechtigkeit sorgen. Gott bügelt den Mist der Menschen aus. So die Erwartung. – – – Falsch!

Die Deals, die (wir) Menschen mit Gott machen, sind bekannt. Lieben wir nicht dieses fiktive Gedankenspiel: Also wenn Gott mir Reichtum geben würde, ich würde es für die Armen einsetzen. Damit haben Menschen aber auch schon ernst gemacht: Wenn du mir dieses oder jenes gibst, tue ich dies oder das. Was aber wenn du „reich“ wirst, und es deshalb Arme gibt? Was wenn Geld und Erfolg den Charakter (tatsächlich) verderben? – Wie sehr sind wir bereit, Einsatz zu zeigen, wenn es um Erfolg, geradezu aussichtslosen Erfolg geht? Aber wie wenig Mut und Kraft haben wir – wie es Peter Maurin erkennt –, arm zu werden um der anderen willen?

Wie beschreibt das der Prediger?

Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Haus Gottes gehst. Und: Herantreten, um zu hören, ist besser, als wenn die Toren Schlachtopfer geben.“ Dafür ist übrigens Jesus ein Vorbild. War er reich? Hatte er politische oder institutionelle oder gesellschaftliche Macht? Nein. Ist bekannt, dass er opferte? Nein. Stattdessen: Er betete und hörte auf Gott. Er tat, was er Gott tun sah.

Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden; darum lass deiner Worte wenig sein. Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume, und wo viel Worte sind, da hört man den Toren. Wenn du Gott ein Gelübde tust, so zögere nicht, es zu halten; denn er hat kein Gefallen an den Toren; was du gelobst, das halte. Es ist besser, du gelobst nichts, als dass du nicht hältst, was du gelobst. Lass nicht zu, dass dein Mund dich in Schuld bringe, und sprich vor dem Boten Gottes nicht: Es war ein Versehen. Gott könnte zürnen über deine Worte und verderben das Werk deiner Hände. Wo viel Träume sind, da ist Eitelkeit und viel Gerede; darum fürchte Gott!“

Gebete sollen überlegt sein. Gebete sollen minimalistisch sein. In unseren Gebeten soll sich Genügsamkeit ausdrücken. Was schwer genug ist! Häufig artikulieren wir doch eher unsere Unersättlichkeit, in dem Glaube, dies sei unser täglich Brot. Warum nicht beten „Hilf mir, arm zu sein“, „Hilf mir, großzügig und spendabel zu sein“, „Hilf mir, aus meiner Komfortzone auszubrechen“?

Und wenn wir Gott etwas versprechen, mit ihm einen Deal aushandeln, dann sollen wir uns daran halten. Das ist schwer! Nicht nur, weil wir vergesslich sind – und viel reden, wenn der Tag lang ist. Also gar nicht mehr wissen, was wir gebetet haben.

Schließlich sollen wir Gott nicht wegen unserer Niedrigkeit und Erbärmlichkeit fürchten, sondern weil wir in Verantwortung stehen. Und mit unserer Verantwortung können wir nicht leichtfertig umgehen.

Das ist die Vision des Prediger: Miteinander, Füreinander, auf Gott hören und Eigenverantwortung.