Prediger 4, 1 – 6 + 4, 13 – 16: Kohelets Kritik an der überlieferten Antwort auf Ungerechtigkeit

Gottesgläubige sollen so genügsam sein, und akzeptieren, dass auch ihnen – wenigstens zwischenzeitlich – Ungerechtigkeit widerfahren kann. Diese Genügsamkeit beinhaltet einerseits, dass man letztlich das eigene Unglück für weniger wichtig einordnet und weniger sachlich gewichtet als die Tatsache, dass wir Menschen nicht mehr wert sind als Vieh. Denn wir sollen Gott fürchten, ihn der alles wohl geordnet hat, ihn dessen Willen wir tun sollen. Andererseits beinhaltet diese Genügsamkeit, ein beschaulich überschaubares Leben zu genießen. Fragen der Ungerechtigkeit werden sich schon von selbst klären. Und was das Leben nach dem Tod betrifft – darüber können wir eh nix wissen. – Mit dieser Sichtweise ist der Prediger überhaupt nicht zufrieden.

Erstens. Ihm vergeht jeglicher Gedanke an Freude und jegliches Streben nach Genuss angesichts der „Unterdrückungen, die unter der Sonne geschehen.“ Es ist für ihn zutiefst empörend und erschütternd, dass „da waren Tränen der Unterdrückten, und sie hatten keinen Tröster; und von der Hand ihrer Unterdrücker ging Gewalttat aus, und sie hatten keinen Tröster.“ Unrecht zu erleiden hält der Prediger für eine abgründige seelische Belastung. So abgründig und belastend, dass es weder tröstend ist noch einsichtig erscheint, eine gottesfürchtige Haltung einzunehmen, weil man sich mit Ungerechtigkeit konfrontiert sieht. Ungerechtfertigtem Leid ausgesetzt zu sein – aus der Perspektive des vorgestellten Glaubens könne man daraus keine Empörung ableiten, vielmehr ist es Phänomen, das die eigene Position gegenüber Gott zum Ausdruck bringt. Gott hat alles wohl geordnet. Und es ist gut. Wir Menschen sind dazu aufgefordert, Gott zu fürchten. Wie es uns also Angst macht, dass wir mit Ungerechtigkeit konfrontiert werden könnten bzw. wie wir Angst haben vor dem Leben, wenn uns Unrecht widerfährt, so sollen wir Angst haben vor Gott – und uns nicht für zu groß und wichtig halten. Wir sind endlich wie die Tiere, wir sterben wie die Tiere, wir wissen nicht mehr über die Zeit nach unserem Ableben als die Tiere. Man unterwirft sich seinem Schicksal. Eine Unterwerfung, die der Prediger – wenigstens in diesem Zusammenhang – nicht akzeptiert. Vielmehr zieht er aus seiner großen Empörung ein zutiefst pessimistisches Fazit: „Da pries ich die Toten, die längst gestorben sind, mehr als die Lebenden, die jetzt noch leben. Und glücklicher als sie beide pries ich den, der noch nicht gewesen ist, der das böse Tun nicht gesehen hat, das unter der Sonne geschieht.“ Der Boshaftigkeit übler Menschen ausgesetzt zu sein entwertet das eigene Leben und das menschliche Leben derart, dass es eigentlich besser ist, dass es keine Menschen gäbe; dass es besser gewesen wäre, es hätte nie Menschen gegeben. Die seelische Belastung, mit Unrecht konfrontiert zu sein, ist für den Prediger keine temporäre, vergängliche Geschichte, kein schlechtes Gefühl, das man bagatellisieren könne, weil es sich sowieso bald wieder legt. Vorausgesetzt, man glaubt an Gott. Die Hoffnung also, Gott wird es einem wieder gewähren und gerechterweise zukommen lassen, dass man sein Leben in beschaulich überschaubarer Weise leben kann.

Zweitens. Die Rede von den Werken der Arbeit, die Rede vom Schaffen, entsprechend die Rede vom Genießen der Früchte des eigenen Werkes – der Prediger hält sie nicht für so unverfänglich und unschuldig, wie sie sich gebärdet. „Und ich sah all das Mühen und alle Tüchtigkeit bei der Arbeit, dass es Eifersucht des einen gegen den anderen ist.“ Eine Äußerung, die man nur schwer für sich akzeptieren mag. Es ist aber ein persönliches Bekenntnis, das eines unserer Geheimnisse ausplaudert.

Drittens. Selbst ein herausragendes Beispiel für ausgleichende Gerechtigkeit wird von späteren Generationen weder geschätzt noch erinnert. Ein in Armut geborener junger Mann wird von einem alten und törichten König ins Gefängnis geworfen. Der junge Mann hingegen ist weise. Er kommt aus dem Gefängnis heraus, um dann selbst König zu werden. Ein weiser König. Der Prediger ist hiervon ein Zeitzeuge. Er erlebte mit dem restlichen Volk diesen jungen Mann als König. Und die nächste Generation? Sie werden sich nicht über ihn freuen. Das heißt, obwohl sie ein herausragendes Beispiel für den Triumph der Gerechtigkeit und den Niedergang von Ungerechtigkeit haben – sie werden daraus weder lernen noch davon profitieren. Auch für sie wird es sich wiederholen: „Da waren Tränen der Unterdrückten, und sie hatten keinen Tröster; und von der Hand ihrer Unterdrücker ging Gewalttat aus, und sie hatten keinen Tröster.“

Bei dieser Kritik bleibt Kohelet nicht stehen. Er wird eine alternative Vision vorstellen.

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Prediger 3, 16 – 22: Die überlieferte fromme Antwort auf Ungerechtigkeit: Diesseitige Kompensation und Gottesfurcht aus Niedrigkeit

Zuletzt ließ der Prediger Gedanken auf sich wirken, die einem bestimmten Gottesglauben entspringen. Aufgrund von Einsicht verzweifeln und das eigene Lebenswerk zugrunde gehen sehen – beides sei ein Zeichen dafür, dass der oder die Betreffende in Sünde lebt. Was sofort die Frage aufwirft, weshalb dann auch tief gläubigen Menschen, die ihr Leben nach dem Wort und Willen Gottes ausrichten, Ungerechtigkeiten widerfahren. Und tatsächlich kommt auch dem Prediger diese Anfrage ohne Umschweife in den Sinn. Einer Antwort nähert er sich zuerst aus dem bereits erwähnten Gottesglauben heraus. Hier wird nichts beschönigt. Er bejaht und bekräftigt das Problem der Übel. Dort, wo Gerechtigkeit herrschen sollte, trifft man das genaue Gegenteil an: Ungerechtigkeit.

Und ferner sah ich unter der Sonne: An dem Ort des Rechts, dort war die Ungerechtigkeit, und an dem Ort der Gerechtigkeit, dort war die Ungerechtigkeit.“

Der Prediger hat sicherlich vorwiegend den Tempel und den Palast im Sinn, sowie die lokalen Gerichte. Stellvertretend stehen sie für das gesellschaftliche Leben. Sie sind ja lediglich Orte, an denen Gesetze erlassen und Gesetzesbrüche bestraft werden. Es sind Orte, von denen aus eine gerechte gesellschaftliche Ordnung angeleitet werden soll. Dazu gehört zum Beispiel die Arbeit. Arbeit als ein Ort der Gerechtigkeit. Auch gläubige Menschen werden auf Arbeit zum Opfer von Vorgesetzten. Es gibt Branchen, die dafür bekannt sind, dass da das Arbeitsrecht mit Füßen getreten wird. Discounter, Mode, Bau, Zahntechnik. Zermalmt werden dort häufig die Schwächsten der Gesellschaft. Welche Auszubildende weiß schon im Detail über ihre Rechte Bescheid? Und falls sie sich doch gegen die Rechtsbrüche vom Ausbildungsbetrieb wehrt: Die Angst, die Ausbildungsstelle zu verlieren und keine mehr zu bekommen, und damit vor einer ungewissen Zukunft der Arbeitslosigkeit zu sehen, ist enorm. Gleiches trifft den Langzeitarbeitslosen, der eine Lagertätigkeit in einem Modeunternehmen oder einem Discounter erhält – und dort erniedrigenden und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen unterworfen wird. Gegen die er sich aber nicht wehrt, weil er endlich aus der elenden Arbeitslosigkeit raus will. Sozusagen, lieber scheiß Arbeit als keine Arbeit. Getrieben von der öffentlichen Meinung, dass wer Arbeit sucht, auch welche findet; lange Arbeitslosigkeit also selbst ausschließlich verschuldet ist. Derartiges trifft man bei uns an! Und anderswo in der Welt? Irgendwo hat irgendwer – ich weiß nicht mehr wo und wer – gesagt, es wäre naiv zu glauben, man könne in Asien kontrollieren, wie mit den Arbeiterinnen und Arbeitern umgegangen wird.

Deshalb stellt sich für gläubige Menschen die Frage: Wie sollen wir darauf reagieren? Was glauben wir, passiert mit jenen frommen Menschen, denen Ungerechtigkeit widerfährt, und jenen, die für Ungerechtigkeit sorgen?

Womöglich hoffen wir, dass sich das Unglück der Leidenden irgendwann in ihrem Leben umso mehr zum Guten wendet. Und wir empfinden es eventuell als Genugtuung, wenn dem Übeltäter oder der Übeltäterin die Grausamkeit heimgezahlt wird. Aber sind wir für solche Spekulationen und Gefühle nicht viel zu sehr Pessimisten, sprich: Realisten? Wir glauben doch nicht wirklich, dass sich das so ereignen wird. Jedenfalls nicht in diesem Leben. Und dennoch, der Prediger erwägt genau diesen Gedanken – mit seinem Blick auf Gott gerichtet. Am Ort des Rechts und der Gerechtigkeit mag zwar augenscheinlich Ungerechtigkeit triumphieren und eine Gesellschaft somit aus dem Gleichgewicht geraten sein und sich in Disharmonie befinden. Doch das ist nur vorübergehend. Hintergründig herrscht Gott. Er hat es so eingerichtet, dass den Übeltätern ihre Ungerechtigkeit irgendwann heimgezahlt wird. Gott hat alles so geordnet, dass den Leidenden ihr Leid früher oder später – auf jeden Fall in diesem Leben – ausgeglichen wird.

Ich sprach in meinem Herzen: Gott wird den Gerechten und den Ungerechten8 richten, denn es gibt eine Zeit dort für jedes Vorhaben und für jedes Werk.“

Natürlich stellt sich nun – gleichermaßen zwangsläufig – eine weitere Frage: Gesetzt den Fall, Gott hat es wirklich so eingerichtet, wie denn dies? Seinen Blick immer noch auf Gott gerichtet, antwortet der Prediger: Gott prüft die Menschen auf diese Weise. Aber prüfen woraufhin? Ja, sie sollen einsehen, dass sie „nichts als Vieh sind“. Harter Tobak ist das! Aber stimmt es nicht – um so mehr, als das darwinistische Evolutionverständnis von der Entstehung des Lebens mehr und mehr Common sense wird: „Denn das Geschick der Menschenkinder und das Geschick des Viehs – sie haben ja ein und dasselbe Geschick – ist dies: wie diese sterben, so stirbt jenes, und einen Odem haben sie alle. Und einen Vorzug des Menschen vor dem Vieh gibt es nicht, denn alles ist Nichtigkeit. Alles geht an einen Ort. Alles ist aus dem Staub geworden, und alles kehrt zum Staub zurück“?

Auf diese Weise schiebt Kohelet den Riegel vor eine zweite Möglichkeit, wie man mit dem Problem ungesühnter Ungerechtigkeit und Leidender, die keinen Trost erfahren, umgehen kann. Die zweite Option wäre die, dass die Übeltäter in der Hölle schmoren und die Unterdrückten im Himmel Gottes Trost und ewige Freude finden werden. Diese Vorstellung blockt der Prediger ab. Die Menschen wissen nicht, was nach dem Tod kommt. Und niemand kann ihnen hierüber Wissen vermitteln: „Wer kennt den Odem der Menschenkinder, ob er nach oben steigt, und den Odem des Viehs, ob er nach unten zur Erde hinabfährt? Denn wer wird ihn dahin bringen, hineinzusehen in das, was nach ihm sein wird?“

Der Einsicht in die Zeit nach seinem Ableben beschränkt, was bleibt dem Menschen schließlich übrig zu tun? Erneut lautet die Antwort: „Und ich sah, dass es nichts Besseres gibt, als dass der Mensch sich freut an seinen Werken; denn das ist sein Teil.“

Wiederholt landet der Prediger unter dem Blickwinkel eines bestimmten Gottesglaubens bei einer optimistischen Sichtweise, die sich in einem beschaulich überschaubaren Leben gemütlich einrichtet. Ein Ergebnis, das er nicht unkommentiert stehen lässt. Eine Resultat, dem er etwas entgegenzusetzen weiß.