2 Arten von Mitgefühl

Einfühlung ist ein imposantes Wort. Es ruft Ärger bei den Empfängerinnen und Empfängern aus: Die Empörung über den Anspruch von Menschen verstanden zu werden, die das eigene Schicksal nicht teilen. Es kann aber von den Empfängern und Empfängerinnen sehr positiv aufgenommen werden. Sie empfinden es als heilend, als wohltuend.

Neben der eigenen Einstellung zur Empathie spielt aber auch eine Rolle, welche Art von Einfühlung einem entgegengebracht wird.

Boyatzis berichtet von gehirnpsychologischen Studien, durchgeführt von Decety, Batson und Michalska. Sie befassten sich mit zwei Arten von Einfühlung. Mit der selbst-reflektierenden und mit der offene, auf den anderen bezogene.

Bei selbst-reflektierenden Empathie empfinden wir mit anderen Menschen so: Wir würden wir uns in einer solchen Situation fühlen.

Bei der anderen Form der Einfühlung ist man offen dafür, wie die andere Person empfindet. Man ist substanziell weniger selbstbezüglich. Dies wird als die ehrlichere und reinere Form von Einfühlung angesehen. Man ist offen für andere Menschen und kümmert sich um sie. Gehirnpsychologisch, meint Boyatzis, hat diese Form außerdem sehr viele Ähnlichkeiten mit dem sozialen Netzwerk (Default Mode Network).

Will man nun effektive Leiterschafts-Beziehungen aufbauen und es schaffen, dass sich andere motiviert und inspiriert fühlen, sich zu verändern, zu lernen und sich zu entwickeln, dann brauchen Leiterinnen und Leiter Einfühlung. Die Einfühlung, bei der sie offen sind für die Empfindungen, Erfahrungen, Wünsche, Situationen, Wahrnehmungen der anderen. Das geht über das hinaus, dass man sich verstanden fühlt. Es gibt Menschen, die brauchen das Gefühl, dass sich die Leiterin oder Leiter um sie kümmert.

Das bedeutet für die Leiterin bzw. den Leiter. Um effektive Leiterschafts-Beziehungen zu den Menschen um sich herum aufbauen zu können, ist es sehr wahrscheinlich hilfreicher, wenn sie oder er die eigenen Themen, Anliegen und Agenden vorübergehend aussetzt, um die Themen, Anliegen, Gedanken und Gefühle der anderen zu verstehen. Das ist die ehrlichere Form der Einfühlung.

Richard Boyatzis: „Neuroscience and the Link Between Inspirational Leadership and Resonant Relationships“, in: Ivey Business Journal Januar / Februar 2012

Präsentiert: Cindy Brandt: „All I Want for Christmas Is Uncertainty“

Habe ich schon erwähnt, dass der Busbahnhof früher mal ein Kinosaal war? Der Bus, der mich nach Coerzi bringen sollte, zu Alice, fuhr langsam dort los.

Langsam… als fiele es ihm schwer, sich von dem zähen Gemisch alter Geschichten, die in der Luft lagen, loszureißen.

Als fehlten dem Bus, dachte ich, die nötigen Kräfte oder der Mut, sich auf die Straße zu werfen, um seine eigene Geschichte zu leben, frisch und unverbraucht. Frisch, und ohne altbekannten Schluss.

Ich dagegen – so sagte ich mir – fühle mich heute sehr stark, und ich bin unterwegs. Ich habe den Mut und die Energie, die man braucht, um schließlich… um Hilfe zu bitten.

Zentner/Mattotti: Der Klang des Rauhreifs, S. 67f

Die Idee dieses Blogs ist es, dem Bild von Jesus gerecht zu werden, dass wiedergeboren zu leben bedeutet, sich von Tradition gewissermaßen zu befreien und Erwartungen nicht um jeden Preis zu bestätigen.

Ich möchte daher in Dialog treten mit Positionen, die zunächst einmal fern von evangelikalen Positionen zu sein scheinen, die aber von Evangelikalen diskutiert werden. Von Evangelikalen, die (wie ich meine) versuchen, Anschluss an jene Markierungspunkte des Evangelikalismus zu finden, wie sie Stanley J. Grenz in Renewing the Center. Evangelical Theology in a Post-Theological Era (mit Bezug auf David Bebbington) nennt: Fokus auf Bekehrung, Aktivismus, Biblizismus und das Kreuz als Zentrum.

Um Weihnachten herum las ich einen Blogbeitrag von Cindy Brandt mit dem Titel „All I Want for Christmas Is Uncertainty“. An vielen Punkten sprach sie mir da aus dem Herzen.

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Für Evangelikale ist es ein markantes – und ich meine, durchaus zu schätzendes – Kennzeichen, das sie von vielen anderen Christen und Menschen abhebt: Sie lesen die Bibel, um Antworten auf ihre Lebensfragen, ihre Lebensführung, ihre Lebenswelt zu finden. Was ist jetzt hilfreich? Was ist jetzt zu tun? Häufig habe ich es dennoch als eine rastlose, oberflächliche, fragenlose, selbstgewisse Art und Weise erlebt, die Bibel zu lesen, Texte, die 2000 Jahre und älter sind. Immer auf der Suche nach der Bestätigung des Status quo, immer als Bekräftigung der eigenen Selbstkontrolle, immer als Wiederholung und Erläuterung und Ausbau der eigenen Theologie.

Wer aber immer nur unmittelbar auf Selbstbestätigung und aufs Handeln ausgerichtet ist, wird sich nicht reflektieren können. Es heißt, die Philosophie sei entstanden, weil die Menschen ausreichend Zeit hatten, nach der Arbeit nachzudenken. Selbes sollte für theologisches Denken in unseren Breitengraden gelten. Wenn wir die Zeit haben, nachzudenken, dann sollten wir sie auch nutzen. Und das beginnt damit, Fragen zu stellen. Mit Fragen drückeich mein Unwissen aus, belkräftige ich die Tatsache: Es gibt (für mich) Unbekanntes, Geheimnisvolles.

We are most inspired by the unknown.“

Mystery invites participation, not for the sake of removing what is unknown, but to ignite a passion for learning beyond what is certain and be changed through the process.“

Inspiriert sind wir durch das Unbekannte dann, wenn wir ehrliche Fragen stellen, auf deren Antworten wir hören – und sei es ein Schweigen.

Nicht nur, dass wir uns durch Fragen zurückhaltend dem Anderen, dem Fremden, dem Neuen als dem Ganz Anderen, dem Völlig Fremden, dem Total Neuen nähern, wir öffnen uns auch dafür. Wir öffnen uns dafür, heißt:

Wir bemühen uns, zu verstehen.

Wir lassen uns herausfordern.

Wir lernen davon.

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Zurecht fragt sich sich Cindy Brandt daher:

Why is it then, we insist on equating our Christian faith to certainty? We sing about a Blessed Assurance and hold intensive meetings to discuss the essentials of faith. We share testimonies of God stories to shelve any doubts of God’s existence. We preach the same sermons, pray the same prayers, tell the same stories, week after week to convince ourselves it all is still true.“

Is this what our Christianity has been reduced to, more of the same? I am sorry, but I simply cannot muster up anymore enthusiasm for such a formulaic faith; it’s like taking elementary classes all over again. I already know that two plus two equals four.“

If I know exactly how the characters of a story are going to end up (repented, reconciled, redeemed), then I cannot feel invested in the journey. These are pre-programmed characters — propaganda puppets.“

Inwieweit haben wir Christen unsere Sprache in stabile Bilder (Blut, Kreuz, König, Heiland, Herr, heilig usw.) verwandelt. Inwiefern gleicht unser christlicher Jargon einer in Eis gebetteten Welt? Eine Welt, in der wir nur noch rutschen und nicht mehr gehen. Eine Welt, durch die wir gleiten, anstatt sie uns unter Mühen zu erwandern und zu erklettern.

Wie häufig sind die Zeugnisse und Erlebnisse, von denen ich höre, nicht nur bereits mit dem ersten Satz fertig erzählt: Ich weiß, wie das Ende ausgesehen haben wird. Mehr noch: Wie sehr verlangen diese Erzählungen von mir, dass ich Beispiele aus meinem Leben liefere, die diese bestätigen. Aber was ist, wenn ich nicht nur kein Beispiel zu liefern habe, sondern meine Beispiele jenen sogar entgegenlaufen? Und wie kann ich mein Beispiel erzählen, ohne dass ich andere dränge, dass sie es genauso erleben müssen? Wie kann ich dennoch mein Beispiel so erzählen, dass ich andere herausfordere? (Denn mein Leben ist ein Beispiel für das Leben aller – wie umgekehrt das Leben der anderen ein Beispiel für mich ist.) Und wie kann ich verhindern, dass ich mich selbst inszeniere?

Nehmen wir das Beispiel Leid:

I am longing for the gift of uncertainty, a type of profound mystery that welcomes questions, a faith that requires a leap of faith to sustain. I don’t want to be told the answers to life’s pain. I want to live through the darkness and grope for God’s Holy Hand.“

And I want to keep searching for God, even when I’m not sure God exists.“

Ich war vor längerer Zeit auf einem Friedhof. Es war Winter. Von weitem sah ich plötzlich irgendwas Buntes. Ich konnte es nicht erkennen. Das machte mich neugierig. Ich ging dorthin. Ich kam näher. Ich konnte es nicht erkennen. Was ist das? Ich kam näher. Noch immer war es für mich nicht erkenntlich, was ich da sehe. Dann begann es in mir zu dämmern: Hat das was mit Kindern zu tun? Ich trat heran und ich sah: Ja, es ist eine Stelle, an der vielleicht um die hundert bunt bemalte Steinchen liegen, Fähnchen, Spielzeug, Windräder. Ich sah auf die bunten Steinchen: Darauf stehen Namen. Und Daten. Zwischen dem Datum hinter dem Sternchen und dem Datum hinter dem Kreuz liegen vielleicht zwei Tage, oder drei. Manchmal auch nur eine Datumsangabe. Ein Friedhof für Babys, die kaum nach der Geburt gestorben sind, die bei der Geburt gestorben sind.

Es überkam mich eine Leere. Geschichten, von denen ich gelesen habe. Beziehungen, die auseinander brechen. Familien, die kaputt gehen. Depressionen, von denen die Eltern übermannt werden. Vielleicht sogar Zweifel an Gott.

Ich teilte diese Erfahrung mit Freundinnen. Von einer bekam ich zu hören: Aber mit Gottes Hilfe kann die Beziehung der Eltern gerettet und geheilt werden. Mit Gottes Hilfe können die Eltern über den Schmerz hinwegkommen. Ein Beispiel hatte sie sofort parat. Von Christen, die genau das erlebt haben. Das erschreckte mich irgendwie und machte mich auch etwas wütend.

Denn ich erinnere mich an die Stille an diesem Nachmittag. Als ich alleine in diesem Friedhof war. Allein vor all diesen bunten Steinchen, Fähnchen, Windrädern, Spielzeugen. Diese Stille und diese Leere in mir.

Denn ich finde es irgendwie ein bisschen symptomatisch. Warum sind Christen manchmal so ungeduldig, hastig? Warum fällt es Christen so schwer Pause zu machen? Warum haben sie so häufig ein Beispiel, eine Antwort, eine Lösung parat? Warum haben sie kein Gespür für Gottes Schweigen? Für das Schweigen der Freunde Hiobs – die auch besser für immer geschwiegen hätten. Denn am Ende zogen sie sich mit ihren Worten nicht nur die Wut Hiobs, sondern auch den Zorn Gottes zu.

Und ja, Hiob bekam am Ende alles doppelt zurück. Ist das zynisch? Eine andere Freundin von mir meinte in dem Zusammenhang: Mit dem Verlust ist nicht Schluss. Das Leben geht weiter. Das fand ich irgendwie gut. Denn es stellt sich auch die Frage: Wie?

Prediger 2, 24 – 3, 15: Der Gott der Wiederholung, der ein Leben in Balance ermöglicht

Dieses Leben, das aus dem Gleichgewicht geraten ist: Dieses Leben, in dem die eigenen Anstrengungen und Mühen, das eigene Leid und der eigene Verdruss nicht aufgewogen werden durch die Freuden, die Lüste und Genüsse, die man erlebt.

Und diese Wirklichkeit! Diese gefrorene Wirklichkeit, in der sich nichts verändert, nichts verändern lässt, in der sich immer alles nur wiederholt.

Beides treibt den Prediger in einen tiefen Pessimismus und in grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Leben. Ja, mehr noch: Zu einer Verzweiflung über das Leben, zu einem Hass auf das Leben. Und damit auch zu einer Verzweiflung über die Weisheit – mit deren Hilfe man all dies einsieht.

Was aber wenn du an Gott glaubst? Ist diese Verzweiflung, dieser Hass nicht ein Zeichen von Sünde? Denn bist du dir nicht gewiss:

Dem Sünder aber gibt er das Geschäft einzusammeln und aufzuhäufen, um es dem abzugeben, der vor Gott wohlgefällig ist.“

Wenn Kohelet also der Ansicht ist, er müsse sein Lebenswerk in die Hände eines törichten Menschen abgeben, und wenn er zudem Weisheit noch als Verdruss ansieht, dann ist dies ein Zeichen dafür, dass er in Sünde lebt.

Denn wer ein Leben nach Gottes Willen lebt, dem erlaubt Gott es, in seinem Leben Weisheit und Erkenntnis als und in Freude zu erleben.

Denn es wird ein beschaulich, überschaubares Leben in Balance sein:

Es gibt nichts Besseres für den Menschen, als dass er isst und trinkt und seine Seele Gutes sehen lässt bei seinem Mühen. Auch das sah ich, dass dies alles aus der Hand Gottes kommt. Denn: ‚Wer kann essen und wer kann fröhlich sein ohne mich?‘“

Wer sein Leben am Willen Gottes ausrichtet, wer so lebt, dass es Gott gefällt, dem wird Gott es ermöglichen, dass seine Mühen aufgewogen werden dadurch, dass er satt wird, Freude und Genuss im und am Leben erfährt.

Selbstverständlich sind das sehr gute Zeiten!

Ein Kind erblickt das Licht der Welt, das Gepflanzte erntet man, nach einer Krankheit wird wieder gesund, man baut sich ein Haus, man lacht und tanzt, man umarmt sich, man findet das, was man sucht, man kann sammeln, da lässt sich ein neues Gewand nähen, man redet miteinander, man liebt sich und lebt in Frieden.

Ebenso wenig lässt sich allerdings verleugnen, dass es ziemlich üble Zeiten gibt.

Jemand stirbt, es wird getötet, Erbautes muss abgebrochen werden, es wird geweint und geklagt, es werden Steine geworfen, da gibt es Trennung und Abweisung, es werden Dinge weggeworfen, Kleider werden zerrissen, es wird sich angeschwiegen, es wird gehasst und Krieg geführt.

Keine Frage, all das ist Gläubige in ihrem Leben nicht fremd. Und nicht nur das. Auch für sie gilt und heißt es:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“

Einerseits: Gott garantiert dem Frommen, dem Gläubigen das Glück eines beschaulichen, überschaubaren Lebens. Aber dem ist nicht immer so. Andererseits: Für alles gibt es eine vorherbestimmte Zeit. Und trotzdem soll man sich an Gottes Willen halten. Wie ist das zu verstehen? Was ist uns Menschen also aufgetragen zu tun? Was sollen wir tun, wenn es für alles eine vorherbestimmte Zeit gibt und wenn man auch als jemand, der Gottes Willen tut, Schlechtes erfährt?

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Zunächst einmal, was bedeutet das: vorherbestimmte Zeit? Der Prediger sagt:

Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit. … Ich erkannte, dass alles, was Gott tut, für ewig sein wird. Es ist ihm nichts hinzuzufügen und nichts davon wegzunehmen. … Was da ist, war längst, und was sein wird, ist längst gewesen; und Gott sucht das Entschwundene wieder hervor.“

Gott ist es, der alles lenkt und leitet, der alles eingerichtet hat. Schön eingerichtet hat. Gott ist der Gott der Wiederholung. Die Wirklichkeit, wie sie ist, ist Gottes Wirklichkeit. Und die ist schön. Denn letztlich wird es denjenigen, die an Gott glauben, gut gehen, und denjenigen, die nicht Gottes Willen tun, schlecht bzw. werden diejenigen, die an Gott glauben, auch noch von dem profitieren, was jene tun, die nicht an Gott glauben. Sie hingegen werden davon keinen Nutzen haben.

Der Prediger verzweifelt an der Tatsache der Wiederholung. Er findet sie widerlich und diese Einsicht enttäuschend. Er erbittert. Aus dem Glauben an Gott ist das ein Zeichen von Profanität und ein Zeichen für Sünde. Für Gläubige lautet nämlich die korrekte Einstellung des Menschen gegenüber der Tatsache der Wiederholung:

Und Gott hat es so gemacht, damit man sich vor ihm fürchtet.“

Fürchtet.

Der Mensch soll demütig bleiben. Er weiß zwar um die Tatsache der ewigen Wiederholung, dieses ewige Bewusstsein hat er. Aber im Detail hat er darin keine Einsicht. Entsprechend der eigenen Furcht und Demut wird sich der oder die Gläubige also an Gottes Willen halten. Und das wird ihnen dann zu einem beschaulich überschaubaren Leben in Balance verhelfen.

Ich erkannte, dass es nichts Besseres bei ihnen gibt, als sich zu freuen und sich in seinem Leben gütlich zu tun. Aber auch, dass jeder Mensch isst und trinkt und Gutes sieht bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“

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Verzweiflung durch Einsicht und Zugrundegehen der eigenen Anstrengungen und des eigenen Lebenswerkes – beides sind also aus der Perspektive des Glaubens an Gott Zeichen für Sünde.

Aber ist das wirklich so? Gibt es nicht eine Frage, die bereits jede Leserin und jeder Leser, jede und jeder von uns ahnen wird? Eine kritische Frage, der auch Kohelet nachgehen wird: Wie kommt es, dass Menschen, die nach dem Willen Gottes leben, in der Summe mit derart vielen Ungerechtigkeiten konfrontiert sind, sodass sie ihr Leben unmöglich genießen, sich unmöglich daran erfreuen, es unmöglich bejahen können; und umgekehrt Menschen, die sich einen feuchten Kehricht um Gottes Willen kümmern, ein Leben in Genuss und Freude führen? Salopp gefragt: Wie kann es sein, das es guten Menschen schlecht und bösen Menschen gut geht?